Buschka entdeckt Deutschland

Die fabelhafte Poesie des Augenblicks

Veröffentlicht am: 14. März 2017, 1:16 pm

Fritzi Haberlandt und Jens Thomas beleben in Mainz „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun

Gestern abend im Frankfurter Hof in Mainz. Jens Thomas begleitet sich am Piano mit zerbrechlich-aufwogender Stimme, während Fritzi Haberlandt im schnieken „Feh“-Pelzmantel die Bühne betritt und den eigentümlichen Gang der vielen Prostituierten am Alex und auf dem Ku’damm des Berlins des Jahres 1932 beschreibt.
Was schon im gefeierten Hörbuch gelang, funktioniert auch auf der Bühne großartig: Fritzi Haberlandt IST die kleine Doris, die aus der Provinz nach Berlin kommt und naiv von einem augenscheinlichen Scheitern ins nächste stolpert. Anders ist nur, daß sich diese Mischung aus Theater, Lesung und Musikperformance nicht an der Vorgeschichte samt Reise nach Berlin abarbeitet, sondern die Momente, die Irmgard Keuns Romanvorlage so besonders machen, noch stärker herausfiltert: hier werden Augenblicke durch die zärtlich-kreative Sprache und Haberlandts freches Spiel immer wieder so eigenwillig zum Strahlen gebracht, daß sie den Saal für 2 Stunden in gespanntes Staunen versetzen. Da ich bislang nur das Hörbuch kenne, brauche ich einen kleinen Augenblick, Thomas’ melancholisch-sphärischen Gesang, den ich zunächst hilflos irgendwo zwischen Poisel, Talk Talk, Muse und Mongolischen Kopfstimme-Sängern verorte, entdecken zu wollen. Dann geschieht etwas Erstaunliches: während Haberlandt als Figur Doris in glänzenden Passagen immer wieder zwischen Lesetisch (an dem sie sich wahlweise auch schminkt) und nackter Bühnenkante wechselt und eine eher tragische „Entwicklung“ von Kleinstadttheater-Skandälchen über das Stehlen ihres fortan geliebten „Fehs“ bis zur Prostitution in Berlin durchlebt, passen für mich plötzlich auch Musik und Gesang. Mehr noch: Thomas zupft zusätzlich Klaviersaiten und bringt sich überraschend auch mal als dialogsprechender Spielpartner ein. Schließlich singen Haberlandt und Thomas zwei schmetterlingsflügelzarte Balladen im Duett (von denen die zweite nochmal als Zugabe gegeben wird: „Dich will ich, Dich. Dich ohne mich. Ich tanze mein Leben…“). Das hat nichts bemüht-Schweighöferisches, denn Haberlandt singt wirklich glockenzart und wunderschön, – ganz passend zu Thomas’ einnehmender, zerbrechlich-gehauchter Stimme.
Haberlandt fegt tanzend die imaginäre Wohnung, kokettiert in einer Meta-Ebene mit dem Publikum. Einzig Doris’ kleinmädchenhafte Begeisterung für das bunte Berlin der 30er hätte ruhig noch eine Schippe mehr vertragen können. Andererseits erzählt diese Bühnenadaption bereits so viel und so gut. Doris stolpert bauernschlau und doch plump von einer Männergeschichte in die nächste. Sie tut mir trotzdem jedesmal neu leid, weil sie durch die unschönen Beschreibungen ihrer Liebespartner schon ankündigt, daß wieder alles in einer Katastrophe enden wird. Ihr Milchmädchen-Kalkül, mit dem sie die Männer berechnend auswählt, geht nie auf. Als sie sich dann schließlich wirklich mal verliebt, ist sie die Benutzte, ruft der Auserwählte im Schlaf den Namen einer Anderen…
Ihren Traum „Ich will ein Glanz werden“ erreicht Haberlandt als Doris nie, und eben doch immer wieder ein bißchen. Sie ist eine „Kippfigur“, die das Publikum trotz Scheiterns immer wieder in eine Fantasiewelt entführt. Das so häufig bemühte und ausgereizte Sujet des Goldenen Berlins ersteht an diesem Abend in Mainz tatsächlich wieder auf. Irmgard Keuns poetische Sprache wie z.B. „Träume küßten mich durcheinander“ überraschen und verzaubern durchgehend.
Haberlandt und Thomas schaffen eine ganz einzigartige Atmosphäre, – da ist es nicht schlimm, daß aus Doris’ Traum schließlich die Erkenntnis wird: „Ich bin ja immer das Mädchen vom Wartesaal“.

(Bericht: Jörg Buschka)


“Hoffentlich haben die da oben ‘nen Ball!” – David Kadels neuer Film UND VORNE HILFT DER LIEBE GOTT

Veröffentlicht am: 27. April 2016, 10:19 am

Mein Wiesbadener Kupferstescher David Kadel, der 2001 selbst schon in der Premiere meines Diplomfilms gesessen hat, hat eine Marktlücke erobert. Ich würde es Sporty Prayutainment nennen, – eine große Melange aus Fußballwahnsinn, Journalismus und Evangelisation. Ich habe in meiner Jugend die Kraft christlicher Zelt-Evangelisationen kennengelernt: vorn steht ein Power-Prediger und berührt mit seinen Worten trotz all Deiner Voreingenommenheit Dein Herz und fordert Dich auf, “Dein Leben Jesus zu übergeben”. Und ja: mir hat das damals gefallen. Das ist mehr als ein lockerer Kirchenbesuch. Das ist knallharter Glaube. Wenn man so wollte: per Definition “Fanatismus”.

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Heute wird religiöser Fanatismus sofort mit dem Islam in Verbindung gebracht, man denkt pawlowsch an Salafisten, Terrorismus. Wovon David Kadel aber nach seinem Buch “Fußball Gott”, dem 2005er Film “Fußball Gott- Das Tor zum Himmel”, in der “Fußball Bibel” und in seinem neuen Film “Und vorne hilft der liebe Gott” erzählt, ist die bedingungslose Liebe vieler Fußball-Profis zu Gott und speziell Jesus, der von ihnen auf T-Shirts, in Interviews und bei diversen Gelegenheiten ins Licht der Öffentlichkeit gebracht wird. Das ist streng betrachtet sicherlich fanatisch (vielleicht auf den ersten Blick so wie am End auch jeder glühende Helene-Fischer-Fan seine blonde “Göttin” verehrt), wartet allerdings nirgends mit Aufrufen, Ungläubige zu töten oder sich in die Luft zu sprengen auf und stellt sich schon gar nicht über die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland.

David sprengt “bloß” die Grenzen zwischen reinem Geschichtenerzählen und einer engagierten Mission. In seinen Streifzügen durch deutsche Stadien und Wohnzimmer der Fußballstars bis hin zum Besuch bei Megatrainer Kloppo in Liverpool nimmt er die Neugier der Fans und nutzt diesen Schwung an Aufmerksamkeit, um immer wieder auch die Frage zu stellen, was der Glaube den Sportlern ganz persönlich bedeutet. Diese Mischform macht dank reichhaltiger Entertainment-Ausflüge in die Fußballwelt auch komplett Un”fromm”en Spaß, -man sollte sich bloß drauf einstellen, daß man hier halt auch eine Glaubensmessage serviert bekommt.

Andersrum wird ebenfalls ein (Fußball-)Schuh draus: Fußballfremde Gemeinden könnten durch diesen Film mal hinter’m Ofen hervorgelockt und an diesen bekloppten Ballsport rangeführt werden, der Millionen dazu verleitet, 90 Minuten lang aufmerksam in Richtung Fernseher oder Spielfeld zu brüllen, der ansonsten müde Hausmännerluschen laut feiern und ausgebrannte Powerfrauen zu geselligen Partymiezen mutieren läßt. König Fußball ist ganz dicke in diesem Film präsent, – vielleicht ein bißchen anders als in Sönke Wortmanns “Deutschland – Ein Sommermärchen”, aber David Kadels neues Baby schafft es u.a., den für die Presse momentan eher schwierig zu packenden Jürgen Klopp sehr privat zu zeigen, bis hin zum gemeinsamen Singen der Mainzer Hymne. Das allein ist schon ein Meilenstein der Deutschen Fußballfilmgeschichte.

Kurz: wer außerhalb des Rasens auf ofenfrischen Kuschelkurs mit Alaba, Klopp, Didavi, Ujah, Schipplock, Kachunga, Roger oder dem extrembärtigen Sailer gehen will, kommt an dieser DVD mit knackigem Bonusmaterial nicht vorbei!

Foto: David Kadel
Bericht: Jörg Buschka


Wieviel Mohamed sind wir? Hamed Abdel-Samads neues Buch „Mohamed – eine Abrechnung“

Veröffentlicht am: 14. November 2015, 1:28 pm

Wer wie ich in Wiesbaden lebt, für den ist der Islam täglich präsent. Neben integriert und lässig westlich lebenden und gekleideten MuslimInnen gibt es hier eine der größten orthodoxen Communities in Deutschland, was im Stadtbild, in dem auch viele arabische Patientinnen einer hiesigen Klinik im schwarzen Chat D’Or mit Augenschlitz zu sehen sind, durch die strenge Kleiderordnung (auch immer mehr Kinder tragen bereits Kopftuch) und im Schwimmbad sogar durch Ganzkörper-“Burkinis“ unübersehbar ist.

Nachdem ich mich Anfang des Jahres entsetzt über die Gewalt einer Offenbacher Salafistengruppe gegen meine Kollegen vom Hessischen Rundfunk empört und schließlich anläßlich des Anschlags gegen „Charlie Hebdo“ auf Facebook gepostet hatte, die Islamischen Verbände müßten sich bitte JETZT endlich deutlicher gegen Islamistische Terroristen abgrenzen und selbst umso stärker in einen Dialog mit den westlichen Lebenswirklichkeiten treten, brach ein heftiger Streit mit einem muslimischen Freund vom Zaun, den ich bis dato eher als weltoffenen, allseits beliebten Schwerenöter, u.a. charakterisiert durch freiheitlich-lockeren Umgang mit der Damenwelt, keinesfalls aber mit Glaubensdingen in Verbindung gebracht hätte. Doch er fühlte sich durch meine „Generalisierung“ persönlich beleidigt. Mehr noch, ICH würde den Islamisten durch solche Äußerungen erst Raum geben und durch mein alle-über-einen-Kamm-Scheren Haß gegen gemäßigte Muslime schüren. Er, der nach eigener Aussage nicht gläubig ist, bezog deutlich Stellung für die Islamische Community. Das machte mir einmal mehr bewußt, wie identitätsstiftend Religion ist, wie fest verankert in der Selbstwahrnehmung der Menschen, die mit ihr aufgewachsen sind. Deshalb war es nun hochspannend für mich, Hamed Abdel-Samads aktuelles Buch über den Propheten Mohamed zu lesen. Einem Autor, der selbst früher strenggläubiger Muslimbruder war, aber inzwischen Bücher wie das über den „Islamischen Faschismus“ veröffentlicht hat.

„Mohamed – eine Abrechnung“ ist ein knallhartes Psychogramm des Propheten. Erstellt von einem, der nach eigenen Angaben als Kind den Koran auswendig rezitieren konnte.
Selbst dem wohl reformistischsten deutschen Islamwissenschaftler, dem Münsterraner Dr. Mouhanad Khorchide, dürfte bei der kompromißlosen Wucht von Abdel-Samads Werk der Atem stocken.
Am ehesten erinnert es mich an die Wirkung, die Eugen Drewermann in den 90ern auf mich ausgeübt hatte: meinen Jesus bis aufs Blut entzaubert, alles Heilige wie mit Vanish Oxy Action weggeblastet… Am Ende waren wir dann „alle irgendwie Söhne Gottes“. Das war kein schönes Gefühl, und ich erinnere mich daran, daß ich seine Argumentation auch nur bis zu einer geschützen Hülle an mich heranließ. Ein gerüttelt Maß Restmystik habe ich mir dahinter für meinen Glauben bewahrt. Ich bin deshalb etwas ratlos, wie unsere Gesellschaft, speziell die Muslime, mit Abdel-Samads Buch umgehen werden.

Abdel-Samad wird von Kritikern gern vorgeworfen, sich nur äußerst subjektive Rosinen herauszupicken, nicht wissenschaftlich zu arbeiten. Er ist kein Islam- sondern Politikwissenschaftler. Seine überdeutliche eigene Säkularisierung, die nicht erst als Roadmovie-Kollege in Henryk M. Broders dokumentarisch-satirischer ARD-Serie „Entweder Broder“ begann, wird in der Fachwelt skeptisch beäugt. Doch, was ich bisher von ihm gehört und gelesen habe, klingt wohlbedacht und schlüssig. Ich habe ihn schon mehrmals auf der Frankfurter Buchmesse und z.B. auf einer Lesung in der Wiesbadener Landesbibliothek gesehen. Und natürlich in unzähligen Talkshows zum Thema Arabischer Frühling, Islam und Integration. Natürlich frage ich mich: hat man sich mit ihm jetzt dankbar auf einen eingeschossen, der ja wohl triftige Gründe haben müsse, wenn er so über ehemals „Seinesgleichen“ spricht und schreibt? Und die Tatsache, daß Abdel-Samad bei Burschenschaften und der AfD als Gastredner auftritt, macht es mir nicht leichter. Aber sein Buch über den Propheten fabuliert nicht plump daher, sondern weiß engmaschig Quellen vorzulegen. Dabei dürfte es zwar nicht nur mir als Islam-Unkundigen schwerfallen, mögliche überbreite Interpretationen oder Übertreibungen des Autors überhaupt zu erkennen, – aber einem im Kern grundfaulen (Holger-) Apfel würde man es m.E. dann doch an der einen oder anderen Stelle anmerken. Das ist bei meiner Lektüre nicht geschehen.

Hamed Abdel-Samad führt mich als Leser zunächst an den Menschen Mohamed aus dem 7. Jahrhundert heran, über den historisch-kritisch übrigens nichts eindeutig belegt ist. Und wie mit vermutlich allen religiösen Figuren geschehen, wurden auch in seinem Fall Spuren verwischt, Legenden gebildet und Allerlei zurechtgebogen, je nachdem, welche politischen und theologischen Zwecke bedient werden wollten.
Ich erfahre, daß eine verläßliche Gewichtung seines wortgewaltigen Nachlasses eher einem Glücksspiel nahekommt, – je nachdem, ob ich in Mohameds Biographie, im Koran selbst, oder in den über ihn berichteten Geschichten, den Hadithen, nachschaue. Die erste Biographie ist erst 130 Jahre nach seinem Tod geschrieben worden, baut aber auf früheren Texten und Überlieferungen auf. Bereits damals gab es Streit unter den Anhängern Mohameds über Details seines Lebens und die Art der Überlieferungen. Abdel-Samad nutzte als Orientierung vor allem die Hadithen, – konkret solche, die offensichtlich nicht geeignet waren, propagandistisch eingesetzt werden zu können. In ihnen vermutet er die größte Objektivität.
Das Buch führt, stets begleitet von psychosozialer Analyse, chronologisch von Mohameds angeblichen Gesprächen mit Gott in einer Höhle (beschrieben wird eine Lichtgestalt, die ihn zunächst gewürgt habe, was Abdel-Samad allerdings als Halluzination/Angstzustand während eines Epileptischen Anfalls vermutet), dem Gründungsmythos des Islam, über die Infragestellung seines Empfangens göttlicher Botschaften, bis zum Big Business als Kriegsherr und unantastbarer Gesetzgeber, durch den er sich schließlich in seiner Zeit in Medina aus der Bedeutungslosigkeit als poetischer Prediger eines friedlichen, neuen Glaubens befreien konnte. Abdel-Samad stellt vor allem die wichtigste Feststellung des Islams überhaupt in Frage, Mohamed sei ein Prophet. Diese fußt seiner Beurteilung nach lediglich auf der unbestätigten Aussage seiner ersten Frau Khadidscha, die letztlich selbst nichts gesehen, sondern seinem streitbar religiösen Erlebnis einfach Glauben geschenkt habe.

Hamed Abdel-Samad hält Mohamed zugute, er habe allen Arabern einen Gründungsmythos, ein Kollektivgedächtnis, eine gemeinsame Religion, und ein heiliges Buch geschenkt. Allerdings räumt er bereits im nächsten Atemzug mit der negativen Beschreibung Mekkas vor Mohameds Zeit im Koran auf, beziffert vielmehr die guten Strukturen und vor allem religiöse Toleranz, die es dort vorher gegeben habe.
Und der Koran wird selbst auf die Guttenberg-Couch zitiert:
vieles sei schlicht syrisch-christlich-orthodoxen Quellen entlehnt, im Laufe der Entstehung des Koran verwoben mit alten Clan-Gesetzen, die es bereits lange vorher in der heidnischen Zeit der Arabischen Stämme gegeben habe.

Abdel-Samads Buch bringt unabhängig von seinen Deutungen aber auch zunächst schlicht Licht ins Dunkel der so wichtigen Grundlagen des Islams, in all die Verwandtschaftsstrukturen Mohameds und der Kalifen, wegen derer sich der Iran und Saudi-Arabien, Sunniten und Schiiten noch heute blutigste Auseinandersetzungen liefern.
Vor allem zeigt er auf, mit welchen komplexen Regeln gläubige Muslime noch heute täglich zu kämpfen haben, einem unerbittlichen Kreislauf an Sünden-Fallen, der auch einer der Gründe zur gewaltbereiten Radikalisierung sein könne, nämlich, wenn die Angst vor der vorhergesagten Hölle so groß werde, daß aus Sicht der Betroffenen nur noch eine Tat hülfe, die alle bisherigen Sünden verbrieft reinzuwaschen scheine!
So radikal ist dann aber auch eines der Fazits Abdel-Samads: Das Beste, was Muslimen heute passieren könne, sei es, die Allmacht Mohameds zu überwinden, ihn stattdessen als den Menschen zu beleuchten, der er war.

Abdel-Samad will in diesem Buch mit dem Irrtum aufräumen, Islamistische Terroristen mißbrauchten den Islam für ihre Zwecke, – vielmehr seien die heutigen grausamen Handlungen von Boko Haram, Al Kaida, der Al-Nusra-Front oder dem IS nur 1:1 Abziehbilder des damaligen Vorgehens von Mohameds Eroberer-Truppen, die er nach seiner erfolglosen Zeit als friedlicher Religionsstifter und Prediger in Mekka durch geschickte Schachzüge gegeneinander aufgehetzt und schließlich für seine politischen Zwecke habe rauben und brandschatzen lassen. Gern werde behauptet, dieser brutale Teil des Koran sei der damaligen Zeit und dem speziellen Zweck der Selbstverteidigung geschuldet, aber Abdel-Samad beharrt und belegt, es seien Angriffskriege gewesen, und aus anderen Quellen gehe deutlich hervor, daß die kompromißlose Gewalt von Mohameds Kriegern keinesfalls eine Normalität der damaligen Zeit darstelle.

Sicher ist der Ansatz, durch ein Psychogramm nochmal eine ganz neue Perspektive auf eine vermeintlich bekannte Persönlichkeit zu eröffnen, nicht neu. Und auch im Alten Testament, aus dessen quasi-Sekundarliteratur sich lt. Abdel-Samad der Koran im Kern speise, werden Gottes Befehle ja in grausamste Handlungsanweisungen übersetzt. Aber Abdel-Samad legt nachvollziehbar dar, wie problematisch es ist, Religion über unsere freiheitliche Gesellschaftsordnung zu stellen. Nämlich, daß Mohameds in Suren und Hadithen gefaßte Gesetze in der Islamischen, also auch unserer Welt noch heute als unantastbar gelten, er selbst als Prophet erst recht. Und anders als z.B. beim Anzweifeln der Unfehlbarkeit des Papstes werden heute leider tatsächlich bei kleinsten Fantasie-Vergehen in vielen islamischen Ländern noch immer drakonische Strafen verhängt, – ermöglicht durch in Stein gemeißelte religiöse Gesetze, die bisher noch keine durchgreifende oder gar umfassende Reformation erfahren durften.

Abdel-Samad zieht Verbindungslinien zwischen Mohameds Vorgehen und Taktieren beim Überfall auf neuralgisch entscheidende Karawanen-Straßen sowie dem Schaffen neuer Clan-Strukturen und den Systemen innerhalb der sizilianischen Mafia. Schließlich wird sogar Adolf Hitler für Vergleiche bemüht. Das ist auch, was mich an dem Buch eher irritiert. All die verwandtschaftlichen Verstrickungen vermag es verständlich und nachvollziehbar aufzudröseln. Aber die Mafia und Hitler hätte es nicht gebraucht, um eindrucksvoll deutlich zu machen, wo Abdel-Samad Aufklärungs- und Reformierungsbedarf bei der Islamischen Community sieht. Schon die Beschreibungen der schier unerfüllbar strikten Gesetzgebung durch Mohamed in Medina legen mir als Leser nahe, tatsächlich einen kritischen Abstand zu versuchen. – was mir als Nicht-Muslim auch nicht schwerfallen dürfte. Natürlich nicht im Lutz-Bachmann-Style…
Ich frage mich aber, wie wohl liberale, weltoffene Muslime die Härte dieses ungeschminkt und kochend heiß auftischenden Buchs aufnehmen und verarbeiten, wenn sie es denn lesen. Religion ist nunmal vor allem identitätsstiftend. Und um eine derart schonungslose Kritik an tief verankerten Grundfesten nicht sofort in den falschen Hals zu bekommen, braucht es schon einen starken Charakter. Da liegt es leider näher, einfach gleich in die Defensive zu gehen, – „dicht“ zu machen. Das wäre schade, denn die vielen Probleme, die wir momentan weltweit mit religiösem Fanatismus haben, lassen sich nicht einfach wegdrücken. Und seit den fassungslos machenden Anschlägen von Paris am 13. November erst recht nicht.

Abdel-Samad berichtet, die meisten Reformer akzeptierten die Unantastbarkeit des Korans und des Propheten, und schöben die Schuld deshalb den früheren Koran-Exegeten, Hadith-Sammlern und Biografen Mohameds in die Schuhe.
Er bringt es auf den Punkt, mit dem ständigen „Suren-Pingpong“ sei niemandem geholfen. Wer den Koran als Ratgeber für den Frieden verwende, tue letztlich nichts anderes als die Islamisten, die in ihm einen Ratgeber für den Umgang mit den „Ungläubigen“ sehen. Denn beide erhöben den Koran damit zu einem politischen Instrument.

Die Gegenüberstellung von Friedens- und Gewaltpassagen solle vielmehr dazu dienen, den Koran als ein widersprüchliches Buch zu entlarven, das nur die Entwicklung einer Gemeinde über 23 Jahre beschreibt, die friedlich war, als sie keine Waffen besaß, und gewalttätig wurde, als sie über militärische Macht verfügte. Allein das disqualifiziere den Koran gänzlich als Orientierungshilfe für Menschen im 21. Jahrhundert.
Nicht eine zeitgemäße Interpretation des Koran könne also die Lösung sein (und da besteht auch der elementare Unterschied zum Ansatz Dr. Khorchides aus Münster), sondern ein Herunterbrechen auf das, was er damals gewesen sei, – nicht gewertet als direkte Niederschrift des Wortes Gottes.
Er solle als die politische Schrift verstanden werden, die er zu seiner Zeit gewesen sei.
Stattdessen würden Mohameds Fehlverhalten und seine merkwürdigen Entscheidungen nach wie vor als Tugenden und Pflichten angesehen, an denen sich Muslime bis heute orientieren sollen.
Bspw. spreche der Theologe Hans Küng von einer „ethnischen Säuberung“ Mohameds an dem dritten jüdischen Stamm Banu Quraiza. Zitiert wird DIE Prophezeiung, die Islamisten noch heute in ihrer „Heiligen Mission“, im Kampf gegen Juden, beflügele: „Das Jüngste Gericht wird nicht kommen, bis die Muslime die Juden bekämpfen und umbringen; bis der Jude sich hinter den Steinen und Bäumen versteckt, und der Stein und der Baum werden sagen: O, du Muslim, o, du Diener Allahs, dies ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt, komm und bring ihn um!“ (Al-Nawawi: Sahih Muslim, Hadith Nr. 2922).

Hamed Abdel-Samad hat auch dieses Jahr wieder auf der Frankfurter Buchmesse gesprochen. Er hält den Islam für nicht reformierbar.
In seinem Buch beschreibt er, daß Saudi-Arabien zwar hohe diplomatische Vertreter am Trauermarsch für die Opfer des Charlie-Hebdo-Anschlags teilnehmen, aber nur wenige Stunden später den Blogger Raif Badawi in Jeddah wegen einer islamkritischen Nachricht auspeitschen und zu zehn Jahren Haft verurteilen ließ. Im Sudan mußte eine britische Lehrerin ins Gefängnis, weil sie ihren Teddybär „Mohamed“ nannte. Ganz zu schweigen von Steinigungen wegen angeblicher Koran-Verbrennungen.
Abdel-Samad schreibt, das Trio von Mohamed, Allah und dem Koran müsse relativiert werden dürfen. Fundamentalismus und Intoleranz seien nicht eine Folge der Fehlinterpretation der Texte, sondern eine Folge ihrer Überhöhung. Die Reform des Denkens beginne, wenn Muslime es wagten, Mohamed aus dem Käfig der Unantastbarkeit zu entlassen.

Letzte Woche war ich auf einer Veranstaltung der Juristin und mutigen Frauenrechtlerin Seyan Ates. Sie schätzt nach eigenem Bekunden Herrn Abdel-Samad sehr, hofft aber noch darauf, daß der Islam reformierbar sei.
Ates träumt von einer Vorzeige-Moschee für eine offene, westlich orientierte Gemeinde, die vor allem das Frauenbild in der Islamischen Welt kritisch hinterfragt und selbstbewußt Gleichberechtigung zum Mann fordert. Das scheint für mich eine wichtige Strömung zu sein, die hoffentlich noch mehr an Fahrt gewinnt.

Hamed Abdel-Samads Buch war vielleicht längst überfällig und bitter nötig. Es schlägt nach meinem Empfinden an mehreren Stellen ohne Not über die Stränge, seine Beschreibung eines verhärmten Mohamed zur Zeit in Medina und meine persönlichen Beobachtungen, wie streng sich viele Muslime eben noch heute an diese Figur gebunden fühlen, werfen für mich aber akute Fragen auf, die es dringend zu lösen gilt.
Den brisanten Details dieser verhängnisvollen Verbindung ausschließlich mit Toleranz und verharmlosenden Relativierungen zu begegnen, scheint mir keine Lösung zu sein.
Abdel-Samads Buch nimmt sich Zeit, Zusammenhänge und Entwicklungen zu erklären. Das tut es gut und verständlich. Gleichzeitig holt es orthodoxe Muslime aber nicht da ab, wo sie stehen. Man muß sich schon aufraffen und diesen Schuh auch anprobieren wollen. Wo sich angesichts in Stein gemeißelter Positionen hier die Extreme geschützt und mit Offenheit begegnen sollen, um mit Verstand und Herz über 1400 Jahre alte Strukturen kontra freiheitlich-humanistischem Denken reden zu können, weiß ich ehrlich gesagt nicht.

Rezension: Jörg Buschka


Buschka geht ins Kino: Magie der Moore

Veröffentlicht am: 16. September 2015, 10:41 pm

Jan Haft, Naturfilmfreunden spätestens seit seinen beiden Filmen über den Wald bekannt, bewältigt mit MAGIE DER MOORE diesmal volle 90 Minuten. Perfekt kombiniert er Outdoor-Bilder mit filigranen Makro-Tricks aus dem Studio. Sein Markenzeichen: jede Einstellung ist aufwändig in Szene gesetzt. Haft ist der Fellini unter den Tierfilmern, seit vielen Jahren schon DER Wunderknabe des NDR. Schwerpunkt bilden diesmal Regen- und renaturierte Hochmoor-Gebiete Nordeuropas, in denen sich alles um den feuchten Torflebensraum dreht, der seinen Bewohnern wenig Nährstoffe bietet, dafür aber unglaubliche Mengen CO2 bindet.

Erzähler Axel Milberg und die perfekt nuancierte Musik machen es mir leicht, mich auf die Geschichten von Bären, balzenden Schnepfen, dem ästhetischen Tanz von Dung-Sporen und herrlich verführerisch-rot und gleichermaßen tödlich lockendem Sonnentau einzulassen.

Haft bespielt meisterhaft alles von Moorlandschaften aus der Vogelperspektive bis zum Spektakel winziger Baggermäulchen und fast unsichtbaren Geißeln von Einzellern aus einem Moorsee.

Die MAGIE DER MOORE breitet sich trotz amtlicher Spielfilmlänge angenehm aus, und die Zeitrafferbilder von Nordlichtern und nebligen Vollmondnächten im Moor gehören zu dem Stimmungsvollsten, das ich im Bereich Naturfilm gesehen habe.

Bericht: Jörg Buschka


Buschka geht ins Kino: Versicherungsvertreter 2

Veröffentlicht am: 12. September 2015, 12:41 am

Wie schon beim ersten Teil schaue ich VERSICHERUNGSVERTRETER 2 im heimischen Caligari Kino Wiesbaden in Anwesenheit des geschätzten Kollegen Klaus Stern, mit dem ich mir eine Reihe Filmemacherfreunde aus Kassel und Berlin teile.

Versicherungsvertreter 2 präsentiert anfangs Highlights aus dem ersten Teil, die zeigen, wie der höchst selbstverzückte Prämienhochstapler Mehmet E. Göker seine Jahresabschlussfeiern wie Gottesdienste zelebrierte und immer neue Policen-Verkäufer in sein militärisch geführtes Drücker-Regiment lockte.
Nahtlos schließt der Zweite Teil an. Beim lauschigen Strandlokal-Essen an der Türkischen Riviera stehen längst die nächsten Jünger stramm und nutzen die Gelegenheit, in Lobesreden dem Meister ihre Begeisterung und Qualifikation anzudienen.
Göker empfängt und residiert seit 2013 exklusiv in der Türkei, weil er im Schengenraum per Haftbefehl gesucht wird. Welchen Trick er sich einfallen lassen hat, trotz über 10 Mio. Schulden und reichlich verbrannter Erde munter weiter in Versicherungen zu machen, enthüllt der Film nach und nach. Genauso wie Details aus Gökers neuem Arbeitsalltag und die schwarzen Wolken neuer Zahlungsprobleme, Spitzfindigkeiten des Insolvenzverwalters in Deutschland und spannende O-Töne einiger neuer Mitarbeiter, die nach wenigen Wochen im neuen MEG-Stammhaus das Handtuch georfen haben. Versicherungsvertreter 2 ist nicht mehr ganz so grotesk wie der Vorgänger, aber er beschert auf amüsante Weise weitere absurde Einblicke in die Lebenswirklichkeit eines Adrenalin-Players, der ohne Werbeanzeigen nach eigenen Angaben noch immer jeden Tag 10 Bewerbungen aus Deutschland erhält und den Kahn längst wieder in den nächsten Abgrund gesteuert hat.

Bericht: Jörg Buschka


FOLKLORE NEUSTART 2015

Veröffentlicht am: 2. September 2015, 4:33 pm

Zum 20. Mal war ich am vergangenen Wochenende auf dem Folklore-Festival in Wiesbaden.
Und die Veranstalter hatten Großes zu bewältigen: nach finanziell desaströsen, weil oft verregneten, Vorjahren und einer abgespeckten Kostenlos-Version 2014 galt es jetzt, neu zu wirtschaften.
Das Gelände rund um den Schlachthof wurde in Fest- zu 8 und Festival-Bereich zu 25 Euro Eintritt eingeteilt, und am Sonntag gab’s das volle Areal für 6 Euro.

Line-Up war super, – für mich vor allem „Element Of Crime“ am Samstag. Aber schon am Freitag wurden die extrem fitten HipHop-Opis von „Fünf Sterne Deluxe“ und der Deutschrapper „Prinz Pi“, der mit der außergewöhnlichen, orchestralen „Herr der Dinge“-CD seines 2006er Albums „!DonnerwetteR“ eine Duftmarke setzen konnte, aufgefahren. Enttäuschend deshalb, daß der erste Festivalabend mit einer gähnenden Leere zu kämpfen hatte. Das Wetter spielte nämlich ebenfalls optimal mit, es war angenehm sommer-kühl. Einfach schade!

Samstag und Sonntag blasteten das Festival’er-Hirn mit Mördersonne, – aber es kamen mehr Feierwillige. Während mir der Samstag noch immer zu dünn besucht schien, war am Sonntag die Hütte wohlig-brechend voll. Das alte alle-zwei-Meter-trifft-man-bekannte-Nasen-Folklore-Gefühl konnte wieder lustig um sich greifen!

Ich hatte am Freitag vor allem viel Freude an “Fünf Sterne Deluxe”, ließ mich aber gern schon am späten Nachmittag vom engelszarten Pop-Liedermaching des ersten Acts „KAJ“ um die Wiesbadener Sängerin Katja Aujesky zum Lausch-Grasen verleiten.

Auf unserer B.e.D.-Facebook-Seite werde ich übrigens alsbaldest eine kleine Foto-Safari veröffentlichen, die ich an den drei Festival-Tagen mit meinem Smartphone unternommen habe.
Am Samstag unterstützte mich mein lieber Kommilitone und gefeierter Fotograf Marcus Michaelis bei „Element Of Crime“ mit seiner ordentlichen, richtig-echten Kamera. Seine Fotos werden auch in meinem FB-Set zu sehen sein.
Zu Sven Regener & Co. muß ich nicht viel sagen, – für mich der grandiose Höhepunkt des Festivals und ein wunderbares Live-Geschenk.
Aber der Abend hielt noch mehr Feyerey bereit: „Les Yeux D’la Tête“ machten mir großen Spaß, und auch die „Antilopen Gang“ verstanden ihr Handwerk. Aber… …auch wenn ich den Refrain „Und Beate Zschäpe hört U2“ samt -Double im Video extrem originell und die Aufarbeitung des NSU-Themas in Popularmedien politisch höchst notwendig finde, stoße ich mich im nächsten Moment wieder am Antilopen-Satz „Deutschland muß sterben, – damit wir leben können!“. Ich konnte auch noch nie was mit schwarz vermummten „Deutschland, halt’s Maul!“-Brüllern anfangen. Das ist wahrscheinlich total gut gemeint, spielt m.E. aber wiederum anderen Extremen plump in die Hände…

An allen Tagen bekam das wichtige Thema Flüchtlinge in Musiker-Ansagen, Performances und Songs ein Forum. Am Sonntag zeigten nach dem Auftritt der Lokal-Matadoren „Whiskydenker“ und dem Kindermusik-Programm der „Mukketierbande“ deshalb auch „Strom & Wasser“, wie Integration ganz greifbar umgesetzt werden kann. Die Band um Aktivist Heinz Ratz, die auch schon durch ihre Refugees-Tour vor einigen Jahren das bloße Labern aufgegeben hatte und direkt zum MACHEN übergegangen war, gab auf Folklore drei ehemaligen afrikanischen Flüchtlingen, einem Dschembe-Trommler, einem Rapper und einer Sängerin, famos Raum in ihren Stücken, abschließend einer iranischen Pianistin.
Zum Schluß kam so etwas wie Kreisch-Alarm auf den Plan. Ein schlaksiger junger Kerl mit frechem Blick stellte sich vor seine Bandkollegen und den großen Schriftzug „AnnenMayKantereit“ vor die tobende Menge und gab eine Art deutschen Tom Waits.
Die zum Bersten männlich-rauh gepreßte Stimme im denkbar krassesten Widerspruch zur Erscheinung des knabenhaften Sympathieträgers. Und egal, wen ich nach dem Auftritt fragte, – es kam knorke an. Ich konnte mich trotzdem nicht für die Stimme begeistern. Mein Problem.

Auf dem gesamten Gelände trieben an allen Tagen auch wieder wandelnde Kleinkünstler ihr amüsantes Unwesen. Schon altbekannt und beliebt: die mobile Kleinst-Disco „Danceparader Superstar“ und die den Schuß nicht gehört habenden französischen Musikantinnen vom „Mademoiselle Orchestra“. Die überdies vielen weiteren Schrägies gibbet dann in den FB-Alben zu bekieken.

Bericht: Jörg Buschka


Spiegelbild in Plastik: KÖRPERWELTEN 2015

Veröffentlicht am: 1. August 2015, 12:47 pm

Gestern war ich mit einer Freundin in Mainz auf der KÖRPERWELTEN-Ausstellung. Ich habe zwar auch Fotos gemacht und simpel mit dem Smartphone ein Interview “gedreht”, aber so ganz ohne Kameramann ist das dann doch nichts, was ich hier unseren Stammzuschauern qualitativ zumuten möchte.

Nach der ersten Ausstellung dieser Art und KÖRPERWELTEN DER TIERE vor einigen Jahren war es für mich bereits der dritte Besuch in von Hagens’ umstrittenem wie spannendem Anatomie-Kabinett.

Magazinartikel jeglicher Art hatten in der Vergangenheit mit Berichten über nächtliche PR-Fotoshootings mit den “Gestalt-Plastinaten”, Zweifeln am ethisch sauberen Bezug der Leichen oder dem Fokus auf manch theatralische Posen der Exponate vor allem eins erreicht: Aufmerksamkeit, die reichlich Zuschauer in die Ausstellungen spülte.

Inzwischen hat sich von Hagens selbst aus Krankheitsgründen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, seine Frau Angelina Whalley führt nun die Geschäfte.
Schon in der ersten Presse-DVD war sie es, die mir als Off-Sprecherin und Dramaturgin der filmischen Aufbereitung des Ganzen aufgefallen war. Sie schafft es in einer gewinnenden Art, eine echte Begeisterung für das Wunderwerk Mensch als den wahren Motor aller von Hagens’schen Aktionen rund um KÖRPERWELTEN zu vermitteln.
Indes: ein ungeklärter Beigeschmack bleibt für mich bestehen.

In der aktuellen Ausstellung tritt Whalley die Flucht nach vorn an, läßt auf der Pressekonferenz einen Philosophen über die Begrifflichkeit der Würde des Menschen referieren; sein diesbezügliches Buch ist dann auch das erste, was mir im Kassenbereich im alten Mainzer Postlager ins Auge fällt.
Die Ausstellung wirkt auf mich unter von Hagens’schen Gesichtspunkten auffallend zurückhaltend.
Beispielsweise fehlt diesmal das besonders bildstarke und auf mich gleichermaßen verstörend wirkende Exponat, das seine eigene Haut wie einen Mantel abzieht und herzeigt.
Ich stoße mich lediglich an Accessoires wie einer Sonnenbrille oder einem Feuerwehrhelm, die einzelnen “Gestalt-Plastinaten” aufgesetzt wurden. Ich nehme den Veranstaltern ab, die Posen seien jeweils besonders geeignet, bestimmte Körperpartien hervorzuheben oder optimal zu präsentieren.
Auch der Geschlechtsakt, der in der Vergangenheit schon mal in Goldfolie verhüllt und nur in einem ab 18 zugänglichen Raum als Foto präsentiert werden durfte, wirkt auf mich nicht unästhetisch oder plump sensationslüstern. Auch nicht ethisch verwerflich.

Ich schaue mir die “anonymisierten” “Gestalt-Plastinate”, die von winzigen Körperteilen wie dem Steigbügelknochen des Innenohrs über eine Querschnitt-Scheibe eines Adipösen bis zur ganzen “Menschen”gruppe in Bewegungsposen reichen, vor allem deshalb an, weil sie mich tatsächlich mir selbst näherbringen. Es fühlt sich merkwürdig an, aber sie sind trotz der irritierenden, ent-individualisierten Mimiken und anderer Arrangements Abbilder meines Fleisch-Seins. Dieses ganze Gefriemel, diese winzigen Nieren, diesen Hammerklotz von einer Leber, diese filigrane Lunge sind eben so auch in mir verbaut und tun schon fast ein halbes Jahrhundert ihren Dienst… Genau das macht den unbestreitbaren Reiz der KÖRPERWELTEN aus: hier ist alles echt. Bei einem Modell kann sich der Modelleur gern auch mal in Größe und Form vertan haben, – hier nicht!

Das dieser Ausstellung übergeordnete Thema ist das Herz. Ihm begegne ich in unterschiedlichster Form, allen voran dem Herzschlag-Ton, der in sämtlichen Räumen zu hören ist.
Neben dem Betrachten von Herz-Plastinaten, 3-D-Animationen von zum Herzinfarkt führenden Plaques, Aorten unterschiedlicher Gesundheits-Grade und einem künstlichen Herz kann ich mir auch vor Ort selbst den Blutdruck messen. Zusätzlich gibt es in allen Räumen großflächig Texte allerlei weiser Berühmtheiten zu lesen, die das Herz irrational behandeln und so geschickt eine Meta-Ebene eröffnen, die jedoch in der Wahrnehmung bisweilen Mühe hat, gegen all die ausgestellten “Tatsachen” zu bestehen.
Meine beeindruckendste Herz-Begegnung hatte ich übrigens schon vor dieser Ausstellung: ganz schlicht… …beim Ultraschall. Wer sein eigenes Herz einmal im Ultraschall gesehen hat, weiß einfach, was die Story ist. Guten Abend. Bäm!

Darüberhinaus gibt es auch alte Bekannte zu sehen wie das Exponat, das dem Besucher seine eigene aufgeschnittene Galle entgegenstreckt, in der lustig erbsengroße Gallensteine prangen.
Selbstredend der hoffentlich heilende Effekt schwarzer, nikotingetränkter Lungen und -tumore auf den vielleicht noch zweifelnden Raucher.

Gut: in einem eigenen Raum werden Fotografien eines Paares ausgestellt, die Familien auf unterschiedlichen Kontinenten in launigen Stilleben zeigen, in denen sie die Lebensmittel um sich scharen, die sie in einer Woche verbrauchen. Daneben eine Angabe des Geldbetrags, den sie kosten. Ich weiß es nicht mehr genau, aber die indische Familie gibt m.E. 27, die australische 230 Euro pro Woche aus.

Zwischen meiner charmanten Begleiterin Micky und mir teilt sich hinsichtlich der Art der Präsentation der “Gestalt-Plastinate” zwar noch ein wenig das Rote Meer, einig sind wir uns aber ob der Einzigartigkeit des Erlebnisses und der Möglichkeit, sein Innerstes hier so authentisch vor sich ausgebreitet zu bekommen.

Bericht: Jörg Buschka


Wiesbaden ist wieder Europas Zirkus-Hauptstadt!

Veröffentlicht am: 19. Oktober 2014, 1:34 pm

Für mich einer der kulturellen Höhepunkte dieses Jahr: der European Youth Circus in Wiesbaden, den ich seit den 90ern regelmäßig besuche.
Gestern ist er mit der Gala der Preisträger zuende gegangen.

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Er ist jedes mal Gradmesser dessen, was wir in Zukunft von Zirkus und Varieté erwarten können, ist so vielfältig wie das Zirkusspektrum selbst, das vom kleinen Wanderzirkus bis zum internationalen Cirque-de-Soleil-Konzern reicht.
Das Wiesbadener Festival, anfangs von den Stadtvätern kaum beachtet, gilt heute als Perle der Szene und ist regelmäßig ausverkauft. Der erreichte Stellenwert spiegelt sich schon in der multinationalen Besetzung der Jury wider, seit 1992 repräsentiert vom Frankfurter Unternehmer und Gründer des Tigerpalast-Varietés Johnny Klinke, der bei seiner Ansprache darauf hinwies, daß das Festival in diesem Jahr eines der wenigen Projekte sei, bei denen die wichtige Botschaft gelebt werde, daß Rußland und die Ukraine friedlich ko-existieren können. In den vergangenen Jahren traf ich hier sogar einen Sohn Charlie Chaplins, in der Schweiz Zirkusdirektor. In diesem Jahr bestand die Jury aus Zirkusmachern und Artisten aus England, Frankreich, der Schweiz, Deutschland und Ungarn.

Ich sah mir am Donnerstag beide Wettbewerbe, insgesamt aus 25 Acts bestehend, an, und durfte gestern in der Gala eine Auswahl der Nummern noch einmal genießen.

Vielleicht ist es meinen inzwischen vielen Zirkusbesuchen bis hin zur bombastischen Materialschlacht von „Flic-Flac“ geschuldet, – dieses Jahr hat es einfach ein wenig länger gedauert, bis mich die Vorstellungen wirklich mitrissen.
Ich spreche hier über ein durchgehend hohes Niveau und Acts, die aus über 150 eingesandten Bewerbungsvideos ausgewählt worden waren. Hinter jedem Act stehen mindestens eine unterstützende Familie, Trainer und weitere Unterstützer. Bei der finnischen Truppe „Circus Helsinki“ sind es schon allein acht ArtistInnen, deren Transfer, Unterkunft und Training gewährleistet werden wollen.
Der European Youth Circus markiert deutlich die Grenze zwischen „einfach nur“ wirklich gut und belastbarer, wiederholbarer Perfektion, die trotz äußerlichen Dauerlächelns der Akteure das Äußerste von den jugendlichen und jungerwachsenen Artisten abverlangt.

Neben vielen Klassikern wie dem Lufttanz an den Strapaten und Hula-Hoop-Akrobatik habe ich besonders Ausschau nach neuen Akzenten gehalten.
Die konnte für mich der englische Luftakrobat Beau Sargent setzen, der im hoch über dem Publikum schwebenden Fischernetz das Beste aus origineller Formfindung (Kontorsion mit Einbeziehen des Netzes, das sich durch die Drehung mal „bauchig“ aufblähte, mal einen Fisch zu beinhalten schien) und gewagter Strapatenkunst zu präsentieren wußte.

Ebenfalls beeindruckend anders fiel mir im ersten Wettbewerb der russische Jongleur Enrico Annaev auf, der mit übergroßen Pingpongbällen und im Business-Anzug eine Art stylischer Tischtennis-Jonglage in einem Büro-Arrangement aufführte, bei der mir die Art, so komplex und originell „über Bande“ zu spielen, außerordentlich gut gefiel.

Mir gefiel auch die Rock´n Roll-Nummer des Deutschen Max Loos sehr gut, der den Chinesischen Mast wie selbstverständlich erklomm und mit großer Präzision und Überraschungseffekten waghalsige „Abstürze“ mit Tanzeinlagen kombinierte.

Auch im ersten Wettbewerb zu sehen war der Künstler, der für mich bei diesem Festival die stärkste Kombination von professioneller Technik und Ausstrahlung vereinte: der erst 13jährige italienische Strapatenkünstler Vioris Zoppis, dessen Beweglichkeit in schwindelnder Höhe fast schon Angst beim Zusehen machte. Wie geht sowas, ohne sich beide Arme auszukugeln???

Überraschend Neues präsentierte im zweiten Wettbewerb die ukrainische Handstand-Akrobatin Viktoria Gnatiuk, die Handstand/Kontorsion auf neonfarbenen länglichen Spielblöcken aufführte, aus denen sie sich während des Acts kleine Treppen und Türmchen baute, die sie dann nur auf Händen bestieg und wieder „hinabstürzte“.

Der eben erwähnte „Circus Helsinki“ lieferte mit seinen Schleuderbrett-Einlagen für meine Begriffe zwar bestenfalls „gute Artisten-Hausmannskost“ ab, die acht jungen, schrill gekleideten Finnen brachten aber ordentlich Stimmung in die Bude, – mit dem Höhepunkt, einem aufblasbaren lebensgroßen Zebra die Augen zu verbinden und höchstselbst mit ihm einen Salto zu vollziehen. Ein großer Spaß!

Das höchste Maß an Professionalität lieferte für mich die portugiesische Hula-Hoop-Artistin Santé d´Amours Fortunato ab. Die 25jährige wußte Jury und Publikum nicht nur durch Schönheit und Grazie in ihren Bann zu ziehen, ihre technisch exakte Reifenkoordination an bis zu vier Punkten ihres Körpers gleichzeitig bot auch kein Minzplättchen Anlaß zu Kritik. Ästhetik pur.

In dieser Form für mich nie gesehen überzeugte auch die Drahtseil-Nummer des Franzosen Lucas Bergandi. Mir angesichts der Tatsache, daß ich mich nun mal in einer Zirkusveranstaltung befand, die Frage verkneifend, wie Jemand überhaupt auf einem Seil die Balance halten könne, saß ich bei seiner Vorführung schließlich gänzlich irritiert auf meinem roten Plastikstuhl und begriff nicht, wie man das auch noch mit Salti verbinden kann. Er konnte!

Wirklich neu war dann die Art, wie die Schweizerin Solvejg Weyeneth ihr Diabolo präsentierte: leicht wie einen Schmetterling.
Stark entschleunigend begann bereits die Nummer selbst, indem schlicht in den ersten zwei Minuten keine Musik spielte. Jedes Räuspern im Publikum war zu hören.
Weyeneth brachte ihr Diabolo zwar ordentlich in Schwung, – aber vor allem, um es dann überraschend „leise“ und unerwartet brav auf einer der beiden in der Manege für den Act gespannten Seile zur Ruhe kommen bzw. hin und herspringen zu lassen. Aber eben anders, ganz anders als die bekannten Diabolo-Nummern, die oft auf rasante Lichteffekte und Dauertempo setzen. Bei der Samstagabend-Gala hatte Solvejg Weyeneth dann große Probleme mit einem Trick, der ihr am Donnerstag noch mühelos geglückt war. Auch nach mehrmaligem Versuch gelang es ihr am Samstag nicht, das Diabolo genau so vom Handseil auf das hinter ihr liegende obere Seil zu schleudern, daß es im gleichen Winkel wieder zurückkommt. An solchen Dingen ist wohl em ehesten zu erkennen, wie hart erkauft solche Leichtigkeit sein muß, mit der die Nummer zu begeistern wußte.

Das Cyr-Rad gibt es erst seit etwa drei Jahren. Im Zirkus hatte ich es vor Donnerstag noch gar nicht gesehen, – also wirklich etwas Neues!
Der Brite Charly Wheeler schwang sich mit Lässigkeit und großem Geschick auf das wie ein übergroßer Hula-Hoop-Reif wirkende Cyr-Rad, drehte sich damit um alle denkbaren Achsen vertikal und horizontal auf dem Boden, ließ das Gerät um sich herum schwirren und steppte hindurch, als sei es eine Pforte in eine andere Dimension. Der Effekt des Neuen verlor sich für mich dann zwar doch recht bald, – aber hier in Wiesbaden habe ich nun die erste Akrobatik mit diesem Rad gesehen!

Der Publikumspreis ging in diesem Jahr an die ungarischen Schleuderbrett-Akrobaten der „Cap Crew“.
Bronze in der Kategorie bis 17 Jahre bekam das ukrainische „Trio Cats“, Silber der Italiener an den Strapaten, Vioris Zoppis (der nach einer ärztlichen Untersuchung gestern abend noch strahlend auf der Siegerehrung erschienen war), Gold erhielt der russische Strapaten-Künstler Anton Mikheev.
In der Kategorie bis 25 erhielt die ukrainische Handstand-Akrobatin Victoria Gnatiuk Bronze, der italienische Drahtseil-Artist Lukas Bergandi Silber, – und der russische Jongleur Enrico Annaev bekam Gold.

2016 geht’s in die nächste Runde!

(Bericht und Foto: Jörg Buschka)


Riesengaudi

Veröffentlicht am: 25. August 2014, 10:02 am

Seit ich in den 90ern das höchst merkwürdige Doppelleben meines damaligen Kommilitonen Rainer, seine musikalische Leidenschaft als Crooner-Sänger und Pianist, entdeckte, verfolge ich seine Erfolge als “Mr. Leu”/”Das Tier” im Duo “Evi und das Tier”, als das Chanteuse, Showgirl und Conferénce-Diva Evi Niessner und er in der Republik und sonstwo auf der Welt unterwegs sind. Sie bringen in Einzelprogrammen, als Duo oder mit ihrer Band “The Glanz”, die aus ihnen eine Jazz-Combo macht, amerikanische und französische Show-Kultur vom kleinen Pariser Cabaret “Gerny´s” bis zum Broadway auf die Bühne. In bombast-orgiastischen Tischfeuerwerken von internationaler Qualität sind ihre Auftritte wie lustvolle Zeitreisen, große, von frenetischen Fans mitgefeierte Parties, bei denen Niemand unbespaßt oder ohne einen Tropfen Cuvée auf´s Brillenglas zu bekommen entlassen wird. Am Samstag durfte ich auch wieder mitfeiern. In Wiesbaden, Walhalla-Theater. Anlaß war das Programm “Let´s Burlesque”, in dem auch die “Queen Of Strip-Tea”, “Miss Honey Lulu” diverse Hüllen fallen ließ und besagtes prickelndes Naß über ihren Luxuskörper und die tobenden Zuschauer verteilte.
“The Glanz”, bestehend aus Drummer/Backing Vocal/Additional Conferénce-Ansagen-Lieferer Michael Clifton, der in diversen Travestie-Einlagen (z.B. begleitet von Mr. Leus Sprechgesang und Stepptanz) nahezu seinen ganzen Körper betrommelte (der dazu an den aufreizendsten Stellen mit entsprechenden Klangschalen, einer Popo-Percussion und anderem Unbeschreibbarem wie einem “Ratschen-Schlips” bestückt war), Benjamin Perkoff am Sax und “Dr. Jazz” Robin Draganic am Kontrabaß.
Die ausgebildete Opernsängerin Miss Evi ließ von Anfang an keinen Zweifel daran, daß es in den guten 2 1/2 Stunden Show auch für das Publikum vor allem um eins zu gehen habe: HEIß zu sein und das auch auszuleben! Während die Zuschauer daraufhin jede ihrer lasziven Gesten mit extatischen Rufen goutierten, peitschte sie selbst sich von Stück zu Stück näher an den Zenith der Lust, um sich schließlich, bis dahin noch von Gesang begleitet, in Ur-Lauten ganz der Verführungskraft des Saxophon-Solos und dem sichtlich elektrisierenden Effekt der Raumverdrängung des sie dezent-obszön verfolgenden Instruments hinzugeben.
Darbietungen wie ihre sinnlich-kraftvolle Interpretation von Piafs “La Vie En Rose” und der von Rainer aka “Mr. Leu” fulminant präsentierte Tom-Waits-Klassiker “Waltzing Matilda” wiesen dabei gleichzeitig auf die jeweiligen Soloprogramme der beiden Rampenkaskadeure hin.
Hatte das Auge bereits durch die Burlesque-Einlagen genügend zu tun, boten die fantastischen Fünf auch selbst stilvolle Kostüme, – Evi bediente sich dabei von der Fasanenfederhaube bis zum Marlene-Zylinder und diversen seidig-glamourösen, die Haut nur spärlich bedeckenden stofflichen Nichts, während der “bürgerliche Rainer” im Damenkorsett unter dem Pianoman-Frack, hinter seiner geschminkten Mephisto-Maske gänzlich zum “Tier” wurde, um sein wildes Tastenspiel und die Stepp- und Scatgesangs-Einlagen passend zu präsentieren. Zum unkontrolliert züngelnden, dauerausbrechenden ZappelVulkan wird er dazu allabendlich, der sich als letzten Ausweg offensichtlich nur noch selbst durch seine Songs bändigen kann. …und natürlich im Liebes-Duettgesang mit Madame.
Ein klamaukiger, jazzig und stimmlich höchst gekonnter, dreckig-rockenrolliger Show-Abend mit sinnlichem Cabaret-Charme, den ich in dieser Form nu schon das zweite Mal mitfeiern konnte.

Bericht: Jörg Buschka


…und es hat ZING! gemacht!

Veröffentlicht am: 21. August 2014, 1:26 pm

Zack! Boom! ***Bäääm!*** – so macht´s doch immer, wenn man sich verliebt… Und weil ich die Saarbrücker Band SAVOY TRUFFLE mag, wollte ich, daß es bei mir ZING! macht. So heißt nämlich deren neues Album.
Weil ich kein Musikjournalist bin, muß ich gar net so drumrum dummschwätzen und über Arrangements faseln, sondern geb´einfach mal meinen Eindruck der inzwischen schon gern und häufig gehörten Ohrenschmauserei wieder:
1) “Dance, Stranger, Dance” – ein fröhliches rinn-in-de-Abend-PopStück, Verführerische Dame alias Sängerin Awa reizt Kerl auf geschmeidiger Party, Frontale Röhrgitarre und freche Violine locken gelassenes Piano und BigBand-Bläser erfolgreich hinterm Cocktail-Ofen hervor.
2) “Punks In July” – Wohohoooo und “wo bist Du bloß”? Zufrieden tanzendes Reimwerk an den abwesenden Liebsten, irgendwann münden Gedanken und Stories in der Frage “wo bin ICH bloß?”
3) “Praise” – hier rollt die Band zum Thema “my old friend misery” einen wunderbaren Klangteppich in Form eines Sax-Solos auf goldbraun-gebranntem Gitarren- und Basskrokant aus, sanft auf Shomals Gesang gebettet, der mit allen Einsamkeiten dieser Welt versöhnt.
4) “No Kiss Left” – wenn Savoy Truffle sich nicht als Band mit “Unchartable Pop” verstehen würden, wäre dieses Stück die perfekte Single. Stilistisch zwischen Roxette und 4NonBlondes, aber an den entscheidenden Stellen die Bluesharp eine Spur toller eingesetzt.
5) “Love Songs” – ist das Rumba?? Progressiv und laut fahren hier die Big-Band-Regler hoch, kommt wunderbar-bläriger Moog-Sound auf den Tisch, nachdem Awa wieder zart aufs Parkett bittet. Sie “weint” und “is feeling blue”. Das kann sich so knorke anhören!
6) “Ein Mann Gibt Auskunft” – es geht um´s Verlassen. Ich meine, Jule Neigel oder Pe Werner zu hören. Es ist Deutsch. Es gefällt mir sehr. Das erste der beiden Stücke des Albums, die sich textlich bei Erich Kästner bedienen. Luftschokolade-leichter Gitarrenfunk, Flötentöne de luxe, der alles vorantreibende Bass gesellt sich angenehm zu Frau Shomals überlegenem Lächeln. Träumchen.
7) “Take The Burden Off My Shoulders” – wieder meine ich, Rumba zu hören. Die Trommeln flüstern es mir.
Leadgitarre und Flöte verschmelzen mit dem Gesang, bis die Moll-Flöte das spanisch anmutende Stück ganz ausfüllt.
8) “Waltz No 1″ – schönen Dank auch, – ich hatte von diesem zauberhaft-schmachtenden Instrumentalstück eine Woche lang einen Ohrwurm. Es läßt wegen des rund um das Glockenspiel angeordneten Klangkostüms Yann Tiersen grüßen, seine Flöte und Violine errichtet allerdings einen ebenbürtigen Melodien-Balkon über all dem hinter uns gelassenen Alltagsmüll des Lebens und nimmt uns mit der Leichtigkeit eines auf einer Wolke dahinziehenden Schwans mit auf einen mondlichtbeschienenen Schlittschuhtanz einer entführten Prinzessin, die auf dem zugefrorenen Waldsee für die Spiellänge der Musik sicher und frei ist von allem Bösen.
9) “Poupée De Cire, Poupée De Son” – ein schnelles Stück, auf Französisch vorgetragen und von einer Art Klezmer-Sound bunt vorangetrieben und frisch. Sogar ein Mandolinchen rundet den Geschmack ab.
10) “Ride On New Horses” – hier wird dat Sax schräg ausgefahren, – der Moog flirrt und schämmert dazu und ich höre auch mal wieder Nina aus dem Background.
11) “Sachliche Romanze” – sooo ein schöner Sprechgesang und Gesang von Awa und Zippo Zimmermann zum Text von Erich Kästner und einer zarten Melodie aus Xylophon/Moog-Glockenspiel-Tropfen, einem Hauch von Sax, -ihr macht misch ferddisch – allen mööglichen Instrumenten, ja, jetzt auch die Violine, immer nur schweben, das Gesagte behutsam tragend, sich dabei aber bereits in einem Glühwürmchennebel aus zuckerwatteduftendem Klang befindend.
12) “Waltz No 2″ – Glockenspiel, Violine, das erste elektronische Musikinstrument der Geschichte (eine Art sehr früher Vocoder), Piano meet melodisch drei, vier, Fünf Nüsse Für Aschenbrödel. Was für ein harmonisches, dichtes Stück Musik, verspielt und trotzdem pur. Wie soll das gehen? Herr Zimmermann macht´s vor. Ich spiele es immer mehrmals hintereinander ab.

Bericht: Jörg Buschka
Mehr Infos auf: Savoy-Truffle.de