Buschka entdeckt Deutschland

Der Druck des Kollektivs kontra Selbstentfaltung – Hamed Abdel-Samads neues Buch “Integration – Ein Protokoll des Scheiterns”.

Veröffentlicht am: 15. April 2018, 11:28 am

Noch so ein Buch, das nörgeln und kleinreden will, was in den letzten Jahren alles an wichtiger Integrationsarbeit geschafft wurde, das vielleicht sogar rechten Argumentierern in die Hände spielt, – wo die doch grad´ ohnehin einen Lauf in unseren Parlamenten haben? Nachdem die Willkommenskultur sich hierzulande merkelich gedreht hat? Braucht es denn noch mehr Öl ins Feuer…?

Pünktlich zum Bekanntwerden, daß Kinder in einer deutschen DITIB Moschee mit Spielzeugwaffen “zu Ehren” Erdogans aufmarschiert sind, lese ich das neue Buch von Hamed Abdel-Samad. Wenn er von gescheiterter Integration spricht, richtet er seinen Fokus erwartungsgemäß nicht auf die Integrations-Erfolgsgeschichte der vietnamesischen BoatPeople in Deutschland, kreist auch nicht um die gesellschaftlichen Verästelungen italienischer Mafia-Clans oder der Sinti und Roma aus Bulgarien und Rumänien hierzulande, sondern beleuchtet die “Antithese mit Tradition” zwischen Orient und Okzident, – konkret die Geschichte des Nicht-Ankommens vieler Muslime in der Deutschen Mehrheitsgesellschaft. Ursachen dafür findet er gleichermaßen bei den Einwanderern und bei den Alteingesessenen. Hamed-Samad zeigt aber auch auf, welche Strukturen und Geflechte der Politische Islam in Deutschland und Europa heute wirksam dazu einsetzt, um inzwischen sogar im “Marsch durch die Institutionen” und durch engmaschige Communities Individuen zu kontrollieren, konditionieren und zu formatieren. Ähnlich wie in den letzten zwei Jahrzehnten in der Türkei. Betrachtet, welche Weichen die Politik fälschlicherweise gestellt hat, die wirkliche Integration nachhaltig verhindert haben. Und das leider immer wieder von neuem.
Welche Chance haben liberale Muslime und Verbände bislang wirklich in ihren Communities und in unserer Gesellschaft, – und ist es wünschenswert, daß die gegenwärtige Politik beim Thema Integration in neuralgischen Bereichen auf konservative Islamverbände vertraut?

Abdel-Samads Buch ist bis zur letzten Seite unerhört spannend. Weil ich auch meine eigenen Beobachtungen darin wiederfinden kann. Dabei überrascht mich nicht nur die Bandbreite seiner eingenommenen Perspektiven, sondern auch die Akribie, mit der er scheinbar Redundantes und Übergehörtes einer nüchternen Prüfung unterzieht.
Der Hartnäckigste unter den deutschen Islamkritikern absolviert eine bedrückende und durch zahlreiche Zitate aus Gesprächen mit Mitgliedern unterschiedlicher Millieus und Wirkungsgrade authentisch nachvollziehbare Bestandsaufnahme unseres gesellschaftlichen Status Quo.
Wissenschaftlich unterfüttert mit aktuellen Statistiken, Umfrageergebnissen und Gesprächen mit Experten aus dem Bereich Gesellschafts- und Religionswissenschaften, Recht und Politik. Er spricht natürlich mit den bekannten kritisch-liberalen Figuren wie Seyran Ates und Ahmad Mansour, aber auch mit Muslimen aus unterschiedlichen Communities und mit Flüchtlingen, deren Lebenssituationen in Unterkünften er besonders aufmerksam betrachtet.
Und er fängt mit seiner eigenen Integrationsgeschichte an, die vor 23 Jahren von Ägypten aus mit einem zunächst frustrierenden “MigrationsVordergrund” im frischgebackenen wiedervereinigten Deutschland begonnen hatte, und ihn über den Umweg eines Studiums in Japan zu einem selbstkritischen Individuum gemacht hat, – und das nicht ganz ohne Zutun einer liebevollen Seniorin aus seiner deutschen Nachbarschaft, die ihm wichtige Impulse der Anerkennung und der Zuwendung entgegengebracht hatte, – was ihn schließlich seinen aufgebauten Frust gegenüber dieser Gesellschaft aufgeben ließ. Zugunsten eines umso engagierteren Studiums und einer Karriere als Schriftsteller.

Abdel-Samad benennt, wo und warum es klemmt. Was gibt Integrationsforschung wirklich her, – was ist nur “gefühlte Wahrheit”, was Augenwischerei und Narkotikum für die Gesellschaft? Er beschreibt, weshalb Vieles von dem, was in den letzten Jahrzehnten im Zeichen der Integration unternommen wurde, diese sogar maßgeblich verhindert hat.
Dabei bekommen es Linke wie Rechte gleichermaßen ab.
Als Kernproblem sieht Abdel-Samad die Kontrolle durch religiös motivierte Communities, die kein Interesse daran hätten, dem Individuum ein freies, selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Er beschreibt, wie Angstpädagogik und Mißtrauen bereits bei Kindern gesät würden und sich überall in Europa ganze Stadtteile immer mehr der staatlichen Kontrolle entzögen. Und, welche kardinalen Fehler die Politik durch ihre Weichenstellung unternehme, etwa, wenn der bekenntnisorientierte Islamunterricht unter dem Deckmantel der Integration anstelle eines echten Diskurses ein Wertesystem vermittele, das mit freiem, humanistischem Leben und dem Grundgesetz nicht vereinbar sei.

Und obwohl bekannt ist, daß Abdel-Samad den Islam für nicht-reformierbar und auch viele damit verbundenen äußeren Zeichen für politisch hält und ablehnt, allem voran das Kopftuch, schaut er auch auf kleine Impulse, die in die richtige Richtung gehen. Muslimische Mädchen spielen in einer streng konservativ-islamisch kontrollierten Community Fußball. Bleiben dabei aber unter sich, müssen das Kopftuch tragen. In seinen Augen an sich kein Akt der Freiheit und der individuellen Selbstbestimmung. Dennoch beschreibt er in dem Szenario hoffnungsvoll, wie ein Mädchen selbstbewußt die Initiative ergreift, zusammen mit ihren Freundinnen auf diese Weise ein stückweit eine Jungs-Domäne zu erobern. Ein Beispiel, welche Pflänzchen sich doch immer wieder den Weg durch den Asphalt starrer Strukturen bahnen.

So wenig romantisch der Titel des Buchs auch ist, so sorgsam geht es dann aber mit den Menschen um, um die es sich dreht. Abdel-Samad betrachtet mit Fingerspitzengefühl immer wieder individuelle Lebenswirklichkeiten, nimmt komplexe Gegenperspektiven ein.
“Integration – Ein Protokoll des Scheiterns” ist schlicht keine Variante von Sarrazins Bestseller “Deutschland schafft sich ab”, argumentiert nicht genetisch und schon gar nicht rassistisch. Seine Glaubwürdigkeit macht es für mich umso bedrückender. Insbesondere im Umgang mit Flüchtlingen ist Abdel-Samad sorgfältig und pauschalisiert nie, – dennoch weiß er auch aus diesem Bereich Verstörendes zu berichten, das klarmacht, daß wir es selbstverständlich nicht mit einer homogenen Masse, sondern komplexen Menschen in mitgebrachten Strukturen zu tun haben, die teilweise Denkweisen im Gepäck haben, die bei allem Mitgefühl angesichts erfahrenen Leids im Heimatland und durch die oft lebensgefährliche Reise nach Europa nun umso genauer erörtert und letztlich auch eingeordnet werden müssen. Abdel-Samad beschreibt sehr spannend seine Gespräche mit einigen Flüchtlingen, zeigt, wie unterschiedlich die Kompatibilität zu unserer Gesellschaft ist. Skizziert Konflikte, bei denen das so wichtige Korrektiv erfreulicherweise Einzelne aus der Gruppe selbst sind. Das ist spannend, klingt so positiv und ist hoffnungsvoll. Mich hat dann aber auch eine Passage erschrocken, in der Abdel-Samad einen geflüchteten Familienvater zitiert, den er fragt, wie er wohl dazu stünde, wenn er herausfände, daß sein Sohn schwul sei. Er würde ihn “behandeln lassen”, – wenn er aber nicht “geheilt” werde, würde er ihm den Kopf vom Körper abtrennen.

Als Vision formuliert Abdel-Samad schließlich sowohl eine aus seiner Sicht wünschenswerte Utopie, in der durch einen offenen Diskurs die Eigenverantwortung und -entscheidung des Indiviuums, das sich aus der Kontrolle des religiösen Kollektivs befreien kann, dauerhaft gestärkt würde, als auch eine Dystopie, – eine Art Armageddon, das uns ereilen könnte, wenn wir als Mehrheitsgesellschaft unsere Hausaufgaben jetzt nicht machen.
Und er formuliert zum Schluß einen einfallsreichen Integrations-”Marshallplan”, der an die wichtigsten Akteure gerichtet ist und in der er beispielsweise die Linken an ihre wichtiges humanistisches Potenzial erinnert und sie ermahnt, Islamkritik sei keine Islamophobie. Und die AfD dazu auffordert, keinen Fremdenhaß und keine Hetze in ihren Reihen zu dulden. Für Staat und Gesellschaft sei eine offene, ehrliche Diskussion über unsere Werte, und wie sie in einer erweiterten, den heutigen Anforderungen gerecht werdenden Verfassung verankert werden können, unverzichtbar. Entscheidend seien auch das Schaffen eines neuen, gemeinsamen “Gründungsmythos” und ökonomische Perspektiven, der richtige Umgang mit der Digitalisierung, usw.
Zugegeben, – ich bin skeptisch, ob diese Appelle überhaupt aufmerksam genug gelesen und durchgedacht werden. Aber ich kenne kein aktuelles Buch, das eine so vernünftige Betrachtung mit wirklich engagierten Lösungsansätzen kombiniert.
Abdel-Samads Buch-”Tour” durch die Talk-Shows ist bereits in vollem Gange. Für mich sind seine im Buch gezogenen Schlüsse nachvollziehbar und die Szenarien gleichermaßen bedrohlich wie glaubhaft. Es bleibt zu hoffen, daß diese Anstrengungen nicht bloß Gegenpositions-Affekte auslösen, sondern, daß etwas vom Bewußtsein der Ursachen von Mißständen in den Köpfen zurückbleibt. Daß für das gute Zusammenleben unserer Kulturen unter dem Dach Deutschland Einiges mehr und anders werden muß als bislang, daß dazu nicht nur Polls und Klicks in Sozialen Netzwerken ausreichen und daß viele der im Buch entwickelten progressiven Ideen in der Gesellschaft auf fruchtbaren Boden fallen.

(Artikel: Jörg Buschka)


“Die Zwanziger waren nicht golden!” – Tom Tykwer auf dem Fernsehkrimifestival 2018

Veröffentlicht am: 10. März 2018, 11:20 am

Samstagabend der 9. März 2018. Hollywood zu Gast in Wiesbaden. Obwohl zwei Stunden später die große Preisverleihungs-Gala des Wiesbadener Fernsehkrimifestivals gute fünfzehn Gehminuten entfernt im Caligari Kino zelebriert werden würde, fand mein persönliches Highlight des diesjährigen Wiesbadener Fernsehkrimifestivals im schnieken weißen Vortragssaal des Landesmuseums statt: Im Gespräch mit Urs Spörri stellt Tom Tykwer zusammen mit dem Autor der Romanvorlage Volker Kutscher die inzwischen in 60 Länder verkaufte TV-Krimi-Serie “Berlin Babylon” vor, die in den ausgehenden 1920er spielt und für die er als einer von drei Regisseuren verantwortlich zeichnet.

Die erste Staffel läuft in Deutschland momentan exklusiv auf SKY und ist im Herbst in der ARD zu sehen. Lässig berichtet der 53jährige, dessen filmischer Durchbruch mit “Lola rennt” zwanzig Jahre zurückliegt, welch “schlaraffige” Chancen sich Filmemachern inzwischen böten, seit das horizontale Erzählen in Serienform hoffähig geworden ist. Er selbst habe sich als Zuschauer lange gegen das “Binge-Watching” gesträubt, sei dann aber gen 2005 eingeknickt. Den Machern dieser durchaus noch neuen Erzählform weiß er allerdings im gleichen Atemzug Düsteres zu bescheinigen: Das Privatleben sei ruiniert, man schenke einer erfolgreichen Serie als Verantwortlicher dann auch schon mal 9 Jahre seines Lebens, in denen man quasi auch nur in dieser Parallelwelt lebe. Das hat er offenbar nicht vor, terminiert seine Drehzeit für die Serie momentan in Abstände von zwei Jahren.

Auf dem Gelände der Babelsberger Filmstudios entstand dazu (zusätzlich zu den dort permanent verfügbaren alten Straßenzügen) das größte Filmset Europas, – Kulissen für 8,5 Mio. Euro (Die Begeisterung der Kulissenbauer, auch die vielen Ende der 1920er Jahren im Straßenbild präsenten Baustellen nachzubauen, hielt sich lt. Tykwer aber in Grenzen). Auf den Drehtag heruntergerechnet sei das Budget vergleichsweise überschaubar gewesen, – lediglich in etwa das Doppelte eines “Tatort”. Das sieht man der Serie nicht an. Es werden Ausschnitte präsentiert, die zeigen, wie Tykwer es schafft, den Stoff rund um Kutschers Romanfigur, den Kommissar Gereon Rath, an die Protagonisten zu binden, um die Zuschauer so unprätentiös und -was Tykwer wichtig ist- keinesfalls im sichtbaren, spürbaren Wissen um die herannahende NS-Zeit in die Sujets mitzunehmen. Das bescheidene Heim einfacher Menschen, die elegant aufblitzende Mode der damaligen Zeit, besonders deutlich durch eine Protagonistin, die den typischen CharlestonHut trägt und die Zuschauer mitnimmt auf eine Straßenbahnfahrt durch eine Stadt und durch Straßenzüge, die es nicht mehr gibt. Dazu scheint sich in Kutscher und Tykwer, der betont, reines “Ver”filmen eines Stoffes anstelle einer wirklich eigenen, emanzipierten Interpretation sei langweilig, durchaus ein DreamTeam gefunden zu haben: Was das Buch dem Film an beschreibender Detailtreue z.B. von Straßenzügen und Innenräumen potenziell voraus hat, holt sich der Regisseur/Drehbuchautor an anderer Stelle wieder, nämlich, indem er in Personalunion als Ko-Produzent nach schlauer Sicherung der Optionsrechte auch schon mal Verworfenes und nicht in den Roman Geflossenes als Hausaufgabe mitnimmt und teils in das Drehbuch einbaut. Alles das sei auch akzeptiert und legitim, solange man im Denkraum der Buchvorlage bleibe, berichtet Tykwer.

Romanautor Kutscher, der aktuell übrigens ein “Krimistipendium” in Wiesbaden genießt, spricht von seiner Faszination der 1920er Jahre. Davon, daß die Menschen damals eben nicht gewußt hätten, in welcher Zeit sie sich befanden und welche gesellschaftlichen Umwälzungen ihnen noch bevorgestanden hätten. Und von der Schwierigkeit, sich angesichts der vielen Ereignisse des Jahres 1929, in dem die Geschichte beginnt, von Dingen zu verabschieden, die nicht alle abgebildet werden können, nicht mal als Randnotiz. Seine Bücher, die Krimis sind, greifen Vieles auf, was gemeinhin weniger bekannt ist. Den “Blutmai 1929″ zum Beispiel. Die Spaltung innerhalb der linken Gruppen, allein zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten. Kutscher und Tykwer berichten beide, daß die NS-Zeit in ihrer schulischen Lehre einen Großteil des Geschichtsunterrichts beansprucht habe, aber eben leider, ohne daß die Lebenswirklichkeiten und Entwicklungen davor, besonders die der ausgehenden Weimarer Republik, ausreichend behandelt worden seien.

Neben der Krimihandlung und den vielen SubPlots rund um die Figuren erzähle der Film auch die Hauptthemen dieser Zeit des Jahres 1929: das Proletariat einerseits und den erst elf Jahre zurückliegenden Krieg andererseits in den Köpfen der Menschen, der so weiterhin präsent und auf den Straßen durch die vielen Kriegsversehrten sichtbar war. Die Zwanziger seien vor allem für die Mehrheit der Menschen angesichts der Armut und der Wirtschaftskrise ganz sicher nicht “golden” gewesen.

Tykwer bemängelt, daß es kaum Filme gebe, die diese Zeit spürbar machten. Das sei natürlich insbesondere der Schwierigkeit geschuldet, daß das alte Berlin im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde und als Kulisse größtenteils nicht mehr verfügbar sei. Durch die Möglichkeiten der CGI nun aber endlich darstellbar. Die Serie werde nun bereits von Schulen herangezogen, quasi als Bewegter Geschichtsunterricht von den 20ern zu erzählen, – das sei allerdings eine Verantwortung, der er nicht uneingeschränkt gerecht werden könne. Die Serie schaffe zwar tatsächlich viel Außergewöhnliches, allein schon durch den fantastischen Soundtrack, mündend in eine hypnotisierende Bühnenperformance der Sängerin Nikoros (Severija Janušauskaitė) im beliebten “Moka Efti”, für den ein eigener Sound erfunden/”behauptet” wurde, eine Musik die lt. Tykwer “damals schon was von der Moderne wußte”. – Aber für ihn sei die Plausibilität der Handlungen letztendlich wichtiger als die Authentizität. Dennoch sei -ganz abgesehen von den aufwändigen realen und digital gebauten Kulissen und Details- schon sehr genau gearbeitet worden. Manche Marginalien hätten dabei unerwartet viel Geld verschlungen. Beispielsweise allein die Notwendigkeit, vielen tausenden KomparsInnen künstliche Achsel- und (ein-)sichtbare Schambehaarung zu verpassen, habe gut 14.000 Euro gekostet.

Und so werden die Zuschauer hineingezogen in eine faszinierende Serien-Filmwelt, die einerseits gut recherchiert und an realen Eckpfeilern und Geschichte orientiert ist, gleichzeitig aber auch Orte und natürlich die gesamte Krimihandlung erfindet, – eben einen eigenen Kosmos schafft, der dann auch gleich in 16 Drehbüchern auf einen Schlag mündete, die Tykwer Kutscher liebevoll zum Korrekturlesen auf den Tisch knallte. Und das ist nicht das Ende. Es geht kontinuierlich weiter. Eben mit der Einschränkung, daß organisatorisch aktuell nur alle zwei Jahre gedreht werden könne (dieses Jahr wird weitergedreht). Das stelle ihn auch vor Schwierigkeiten, sagt Tykwer. Junge Protagonisten, die in der Serienwelt nur einige Monate “gealtert” sind, sähen real plötzlich zwei Jahre älter aus. Man müsse also wahrscheinlich diverse “extreme Pubertätsschübe” behaupten, scherzt er. Bleibt ihm zu hoffen, daß er es bei dem Pensum an Filmstoff weiterhin schafft, als einer der drei verantwortlichen Regisseure genügend private Zeit zu finden.
Aber auch, wenn in der Serie die nahende NS-Zeit nicht wie üblich dauerpräsent ist, berichtet Tom Tykwer auf dem Wiesbadener Podium, daß die letzte Folge dann doch den harten Umbruch von 1933 zeigen werde, und spätestens dann wird auch der “Führer” als Figur zumindest einen kurzen Auftritt haben. “Oh, je, – wer spielt den denn bloß…?” fragt sich Tykwer an diesem Abend in Wiesbaden. Wie schön, daß dieser unser leider immer noch größter deutscher “Popstar” sowohl in der Serie als auch bei dieser launigen Gesprächsrunde ansonsten keine Rolle spielt.

(Bericht: Jörg Buschka)


“Ohne Beethoven gäbes kein’n Justin Bieber!” – Helge Schneider live in der Alten Oper in Frankfurt

Veröffentlicht am: 19. Februar 2018, 2:00 pm

Die Seismographen schreiben Sonntag, den 18. Februar 2018. Der Meister präsentiert sein neues Programm “Ene Mene Mopel” in Frankfurt. Der trotz Lebenserfahrung noch immer sehr jugendlich wirkende Mann, der nur in wenigen Momenten inzwischen äußerlich an den jungen älteren Götz George erinnert, verzaubert das ausverkaufte Haus, – verstärkt von Peter Thoms am Schlagzeug und Rudi Olbrich am Kontrabaß. Letzterer erfährt zwischendurch immer und immer wieder dedizierte verbale “Hinweise”/Demütigungen, die in Richtung Pflegeheim abzielen, kann dies aber durch seine gefestigte, sympathische Präsenz durch die Bank parieren, weglächeln und durch eigene Anekdoten vergessen machen. Diese Spannung ist nur eine der Ingredienzien, die ein perfekter Abend mit Helge Schneider braucht!

“Wurstfachverkäuferin” in einer schmissigen Extended Version als Starter, dann ein durchweg neu scheinendes Arrangement von “Texas”, gefolgt von “Ich drück die Maus” mit den für Connoisseure schon liebgewonnenen Tanz- und Scratch-Elementen.

Helge berichtet zwischendurch von seinen Erlebnissen auf der Autobahn, im Vorbeifahren für Jürgen Drews gehalten zu werden. Und von einem Dizzy-Gillespie-Konzert in Berlin, an dessen Rande sich eine spannende Begegnung mit Duke Ellington beim Sightseeing im Bus ereignete.

Die Musikmöbel -zunächst das Xylophon- werden dabei während des Spielens auch mal umwandert oder wie zum Ende der Vorstellung, bei der Mondscheinsonate, -der Flügel- liegend gespielt.
Schon sehr früh führt Herr Schneider als mehrfach wiederkehrenden Schockmoment das bedrohliche Aufsetzen einer Phantom-der-Oper-Maske ein, nur gehalten vom Brillengestell. Um nicht zu sehr zu verstören, wird im weiteren Verlauf als geschickter Kontrast ein kleiner “Mr.Fart”-Furzblasebalg präsentiert.

Und es ist auch ein tiefgründiger Abend: Z.B. mit Feststellungen wie “Ohne Beethoven gäbes heute keinen Justin Bieber!” und der Betrachtung “Wir und die Erde. Seit Jahrmillionen leben wir auf ihr und warten… …auf was eigentlich?”.

Nach einer Panflötenversion von “As time goes by” wird klar, daß Schneider bereit ist, mit “Es gibt Reis, Baby” noch einen Schritt weiter im imaginären Bizarr-Pandemonium zu gehen. Schien mit der bekannten Beschreibung der Entfernung von Erbrochenem nach dem heimischen Date-Abendessen schon der Höhepunkt des Guten Geschmacks erreicht, fügt Helge an diesem Abend für das Stück hinzu, den Flokati ob der langen, rundgewachsenen Fußnägel der Besucherin vorsorglich kurzgeschnitten zu haben. Äh ja. Man kann an diesem Abend im edlen Opernsaal das Millieu des Komm-in-echt-isses-doch-bei-Euch-genau-SO nicht nur riechen, man wird von ihm wohlig umarmt und im Nu selbst Teil davon.

Zu dem orientalischen Cello-Stück “Sheik Of Araby” rüstet Helge schon mal auf die Steppschuhe um, mit einer Flamenco-Nummer in überzeugendem fake Spanisch geht es weiter, – nur seine eklektisch-überraschend ausgestoßenen Schreie unterbrechen zwischendurch die aufwändig geschaffene Illusion wie ein warmer Sommerregen mitten im Winter. Wunderbar dabei Helges Zauberkunst, die Gitarre mit einer Hand wie magnetisiert durch die Luft schweben zu lassen!

Es folgt eine weitere Millieustudie, diesmal beschreibend über Oppas, die mit modernster Drohnentechnik die heiße Nachbarin beobachten.

Einem ihm offenbar bekannten Fanclubmitglied aus dem Ruhrgebiet in der ersten Reihe gibt Helge kurz Raum und Ehre, sich sogar vom Verfolgerspot beleuchtet stehend dem großen Auditorium zu zeigen, – um ihn im selben Atemzug auch schon mit seiner kräftigen Statur aufzuziehen: “Sach ma, – ißt Du viel??”.

Fies geht es weiter mit einem musikalischen Hörspiel aus dem “Chinarestaurant Mykonos”, das von einem Paar mit Dominanz-Gefälle besucht wird. Angesichts “Me too” und Feminismus-Debatten hier fein ausgearbeitet die Rollenbeschreibung: während der Mann Pommes RotWeiß und ein Bier bestellt, wird seine Frau darauf vertröstet, “vielleicht was” von seinem Teller abzubekommen. Danach läuft ihnen noch ein eigentlich zum Verzehr “gedachter” Hund zu, dessen Kacke die Frau nach Anweisung ihres Kerls gefälligst in eine Plastiktüte einzusammeln habe. Bei soviel Klarheit kommt gar nicht erst der Geschlechterkampf auf, sind die Fronten nach Helge-Art höchst achtsam definiert.

Beim Stück “Ich geh einsam durch die Straßen” wird auch dem abgebrühtesten Zuhörer klar, daß es nicht nur Rosen regnen kann: wieder mal beschreibt Helge, wie nur er es kann, wie der Gehörnte dem verbotenen Fenster-Schattenspiel seiner Herzdame mit einem Anderen von draußen zusehen muß.
- um später wieder zum vom Schmerz reinigenden Lachen zu motivieren: dem Publikum den Rücken zugekehrt, spielt er die angebliche “Komposition für den 11. Finger” auf dem Flügel an.

Als Zugaben mit Helge am Saxophon das romantische “My one and only love” und eine politisch aufrüttelnde Version von “Katzeklo”, deren Message leider zu wenig vom Frankfurter Publikum erkannt wurde: als Sujet hält die Wohnung einer “Omma” her, deren Rente nur 179 Euro beträgt, – während die Miete 1009 Euro verschlingt. Was Merkel und Schulz viel zu wenig thematisiert haben, haut stattdessen Helge raus, – Chapeau!
Die Katze dankt der Omma sämtliche Verhätschelungen übrigens nicht, sondern kratzt sie ins Gesicht, woraufhin sie stürzt und sich damit als “Klassiker” einen Oberschenkelhalsbruch zuzieht, um kurz danach im Krankenhaus an Lungenentzündung zu sterben.
Welchen besseren, mit der Welt denkbarst versöhnenden Impuls kann es nach einem so gelungenen Abend geben, mit dem mich Herr Schneider in Höchstform wieder in mein kleines, großes Leben entläßt!? Danke, Helge!

(Bericht: Jörg Buschka)


Angst vor der AfD-Dämmerung? Zu Besuch bei einer Bürgerstunde

Veröffentlicht am: 9. August 2017, 8:30 am

Bürgerstunde im Sitzungssaal 308 bei der Wiesbadener AfD. Wie war sie…?
- nun, in einem Wort zusammengefaßt: unaufgeregt.

Als Stadtverordnete der Partei waren anwesend Dimitri Schulz und der Fraktionsvorsitzende Dr. Eckhard Müller, der die Stunde moderierte und gleichzeitig Rede und Antwort stand.
Vor dem Rathaus sowie vor und in dem Raum selbst keine “Gegendemonstranten” oder Störer, im Rund außer mir beobachtender Presse-Nase neun Bürger, die eifrig Fragen stellten nach Zuständigkeiten und Müllräum-Plänen der ELW, Präsenz und Konzepten der Stadtpolizei, Ablauf des Bundestagswahlkampfs und den geplanten strukturellen Aktivitäten der US Army im Stadtgebiet.
Niemand darunter, der erkennbar rechte Tattoos, Thor Steinar-Klamotten oder anderes Neigungssignalisierendes trüge.

Dr. Müller, der seine Sache ordentlich und bürgernah machte, verkündete im Gegenteil recht früh in einem Nebensatz, daß er bestimmte Aussagen äußerst ungut und wenig hilfreich für den Bundeswahlkampf finde. Daß damit Björn Höcke gemeint war, bedarf keiner großen Fantasie. Dr. Müller betonte mir gegenüber am Schluß nochmal im persönlichen Gespräch, daß er sich offen zu dem Parteiausschlußverfahren gegen ebendiesen ausspreche. Als er allerdings innerhalb der Stadtverordnetenversammlung dazu angehalten worden war, sich von Höcke zu distanzieren, hat er das nicht getan und darauf verwiesen, daß das der falsche Ort dafür sei und Mitglieder anderer Parteien sich auf der Ebene auch nicht zu solchen Dingen drängen ließen.
Ich brachte dann meinerseits das Beispiel, daß seinerzeit gegenüber der LINKEN bei jeder Gelegenheit genauso darauf gepocht worden sei, sich gefälligst hinter den Satz “Die DDR war ein Unrechtsstaat” zu stellen.
Ich äußerte dann aber doch noch das private Statement, daß ich es im Fall Höcke doch als dringendst geboten ansehe, sich wo immer es geht klar und deutlich von ihm zu distanzieren. Einem Mann, der völkisches Gift in Reden unterbringt, die hier und jetzt in unserer Zeit stattfinden.
Dr. Müller beschrieb mir daraufhin und versicherte, daß parteiliche Neuzugänge auf rechte Hintergründe/Vergangenheit überprüft würden, weil man solche Personen ausdrücklich nicht wolle. Ich beschrieb ihm meine Skepsis, und, daß man von der bekanntesten partei-internen Höcke-Gegnerin Frauke Petry im Januar auf der ENF-Tagung in Koblenz ja leider ebenfalls Völkisches “vom Feinsten” serviert bekommen hätte.

Mein Fazit: Ich nehme Herrn Dr. Müller persönlich seine redlichen Absichten nach einem ersten Eindruck ohne Weiteres ab, glaube ihm auch, daß sich die AfD in seinen Augen komplett auf “demokratischem Boden” befindet… Ich unterstelle auch AfD-nahestehenden “Besorgten Bürgern” nicht pauschal, die Verfassung umkrempeln und Deutschland in den Grenzen von 1933 zurückhaben zu wollen. Das Problem ist nur, daß die Partei sich in der Breite des Bundes viel zu leise von den rechten Einheizern Björn Höcke und André Poggenburg distanziert. Wer aber JETZT solche Artefakte auf dem Rechten Auge nicht unmißverständlich geschlossen ablehnt und innerhalb des Parteiradius politisch unschädlich macht, nimmt ihren gefährlichen Sog billigend in Kauf, fischt so selbst genauso mit am Rechten Rand und trägt diesen faktisch mit.

(Bericht: Jörg Buschka)


Die fabelhafte Poesie des Augenblicks

Veröffentlicht am: 14. März 2017, 1:16 pm

Fritzi Haberlandt und Jens Thomas beleben in Mainz „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun

Gestern abend im Frankfurter Hof in Mainz. Jens Thomas begleitet sich am Piano mit zerbrechlich-aufwogender Stimme, während Fritzi Haberlandt im schnieken „Feh“-Pelzmantel die Bühne betritt und den eigentümlichen Gang der vielen Prostituierten am Alex und auf dem Ku’damm des Berlins des Jahres 1932 beschreibt.
Was schon im gefeierten Hörbuch gelang, funktioniert auch auf der Bühne großartig: Fritzi Haberlandt IST die kleine Doris, die aus der Provinz nach Berlin kommt und naiv von einem augenscheinlichen Scheitern ins nächste stolpert. Anders ist nur, daß sich diese Mischung aus Theater, Lesung und Musikperformance nicht an der Vorgeschichte samt Reise nach Berlin abarbeitet, sondern die Momente, die Irmgard Keuns Romanvorlage so besonders machen, noch stärker herausfiltert: hier werden Augenblicke durch die zärtlich-kreative Sprache und Haberlandts freches Spiel immer wieder so eigenwillig zum Strahlen gebracht, daß sie den Saal für 2 Stunden in gespanntes Staunen versetzen. Da ich bislang nur das Hörbuch kenne, brauche ich einen kleinen Augenblick, Thomas’ melancholisch-sphärischen Gesang, den ich zunächst hilflos irgendwo zwischen Poisel, Talk Talk, Muse und Mongolischen Kopfstimme-Sängern verorte, entdecken zu wollen. Dann geschieht etwas Erstaunliches: während Haberlandt als Figur Doris in glänzenden Passagen immer wieder zwischen Lesetisch (an dem sie sich wahlweise auch schminkt) und nackter Bühnenkante wechselt und eine eher tragische „Entwicklung“ von Kleinstadttheater-Skandälchen über das Stehlen ihres fortan geliebten „Fehs“ bis zur Prostitution in Berlin durchlebt, passen für mich plötzlich auch Musik und Gesang. Mehr noch: Thomas zupft zusätzlich Klaviersaiten und bringt sich überraschend auch mal als dialogsprechender Spielpartner ein. Schließlich singen Haberlandt und Thomas zwei schmetterlingsflügelzarte Balladen im Duett (von denen die zweite nochmal als Zugabe gegeben wird: „Dich will ich, Dich. Dich ohne mich. Ich tanze mein Leben…“). Das hat nichts bemüht-Schweighöferisches, denn Haberlandt singt wirklich glockenzart und wunderschön, – ganz passend zu Thomas’ einnehmender, zerbrechlich-gehauchter Stimme.
Haberlandt fegt tanzend die imaginäre Wohnung, kokettiert in einer Meta-Ebene mit dem Publikum. Einzig Doris’ kleinmädchenhafte Begeisterung für das bunte Berlin der 30er hätte ruhig noch eine Schippe mehr vertragen können. Andererseits erzählt diese Bühnenadaption bereits so viel und so gut. Doris stolpert bauernschlau und doch plump von einer Männergeschichte in die nächste. Sie tut mir trotzdem jedesmal neu leid, weil sie durch die unschönen Beschreibungen ihrer Liebespartner schon ankündigt, daß wieder alles in einer Katastrophe enden wird. Ihr Milchmädchen-Kalkül, mit dem sie die Männer berechnend auswählt, geht nie auf. Als sie sich dann schließlich wirklich mal verliebt, ist sie die Benutzte, ruft der Auserwählte im Schlaf den Namen einer Anderen…
Ihren Traum „Ich will ein Glanz werden“ erreicht Haberlandt als Doris nie, und eben doch immer wieder ein bißchen. Sie ist eine „Kippfigur“, die das Publikum trotz Scheiterns immer wieder in eine Fantasiewelt entführt. Das so häufig bemühte und ausgereizte Sujet des Goldenen Berlins ersteht an diesem Abend in Mainz tatsächlich wieder auf. Irmgard Keuns poetische Sprache wie z.B. „Träume küßten mich durcheinander“ überraschen und verzaubern durchgehend.
Haberlandt und Thomas schaffen eine ganz einzigartige Atmosphäre, – da ist es nicht schlimm, daß aus Doris’ Traum schließlich die Erkenntnis wird: „Ich bin ja immer das Mädchen vom Wartesaal“.

(Bericht: Jörg Buschka)


“Hoffentlich haben die da oben ‘nen Ball!” – David Kadels neuer Film UND VORNE HILFT DER LIEBE GOTT

Veröffentlicht am: 27. April 2016, 10:19 am

Mein Wiesbadener Kupferstescher David Kadel, der 2001 selbst schon in der Premiere meines Diplomfilms gesessen hat, hat eine Marktlücke erobert. Ich würde es Sporty Prayutainment nennen, – eine große Melange aus Fußballwahnsinn, Journalismus und Evangelisation. Ich habe in meiner Jugend die Kraft christlicher Zelt-Evangelisationen kennengelernt: vorn steht ein Power-Prediger und berührt mit seinen Worten trotz all Deiner Voreingenommenheit Dein Herz und fordert Dich auf, “Dein Leben Jesus zu übergeben”. Und ja: mir hat das damals gefallen. Das ist mehr als ein lockerer Kirchenbesuch. Das ist knallharter Glaube. Wenn man so wollte: per Definition “Fanatismus”.

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Heute wird religiöser Fanatismus sofort mit dem Islam in Verbindung gebracht, man denkt pawlowsch an Salafisten, Terrorismus. Wovon David Kadel aber nach seinem Buch “Fußball Gott”, dem 2005er Film “Fußball Gott- Das Tor zum Himmel”, in der “Fußball Bibel” und in seinem neuen Film “Und vorne hilft der liebe Gott” erzählt, ist die bedingungslose Liebe vieler Fußball-Profis zu Gott und speziell Jesus, der von ihnen auf T-Shirts, in Interviews und bei diversen Gelegenheiten ins Licht der Öffentlichkeit gebracht wird. Das ist streng betrachtet sicherlich fanatisch (vielleicht auf den ersten Blick so wie am End auch jeder glühende Helene-Fischer-Fan seine blonde “Göttin” verehrt), wartet allerdings nirgends mit Aufrufen, Ungläubige zu töten oder sich in die Luft zu sprengen auf und stellt sich schon gar nicht über die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland.

David sprengt “bloß” die Grenzen zwischen reinem Geschichtenerzählen und einer engagierten Mission. In seinen Streifzügen durch deutsche Stadien und Wohnzimmer der Fußballstars bis hin zum Besuch bei Megatrainer Kloppo in Liverpool nimmt er die Neugier der Fans und nutzt diesen Schwung an Aufmerksamkeit, um immer wieder auch die Frage zu stellen, was der Glaube den Sportlern ganz persönlich bedeutet. Diese Mischform macht dank reichhaltiger Entertainment-Ausflüge in die Fußballwelt auch komplett Un”fromm”en Spaß, -man sollte sich bloß drauf einstellen, daß man hier halt auch eine Glaubensmessage serviert bekommt.

Andersrum wird ebenfalls ein (Fußball-)Schuh draus: Fußballfremde Gemeinden könnten durch diesen Film mal hinter’m Ofen hervorgelockt und an diesen bekloppten Ballsport rangeführt werden, der Millionen dazu verleitet, 90 Minuten lang aufmerksam in Richtung Fernseher oder Spielfeld zu brüllen, der ansonsten müde Hausmännerluschen laut feiern und ausgebrannte Powerfrauen zu geselligen Partymiezen mutieren läßt. König Fußball ist ganz dicke in diesem Film präsent, – vielleicht ein bißchen anders als in Sönke Wortmanns “Deutschland – Ein Sommermärchen”, aber David Kadels neues Baby schafft es u.a., den für die Presse momentan eher schwierig zu packenden Jürgen Klopp sehr privat zu zeigen, bis hin zum gemeinsamen Singen der Mainzer Hymne. Das allein ist schon ein Meilenstein der Deutschen Fußballfilmgeschichte.

Kurz: wer außerhalb des Rasens auf ofenfrischen Kuschelkurs mit Alaba, Klopp, Didavi, Ujah, Schipplock, Kachunga, Roger oder dem extrembärtigen Sailer gehen will, kommt an dieser DVD mit knackigem Bonusmaterial nicht vorbei!

Foto: David Kadel
Bericht: Jörg Buschka


Wieviel Mohamed sind wir? Hamed Abdel-Samads neues Buch „Mohamed – eine Abrechnung“

Veröffentlicht am: 14. November 2015, 1:28 pm

Wer wie ich in Wiesbaden lebt, für den ist der Islam täglich präsent. Neben integriert und lässig westlich lebenden und gekleideten MuslimInnen gibt es hier eine der größten orthodoxen Communities in Deutschland, was im Stadtbild, in dem auch viele arabische Patientinnen einer hiesigen Klinik im schwarzen Chat D’Or mit Augenschlitz zu sehen sind, durch die strenge Kleiderordnung (auch immer mehr Kinder tragen bereits Kopftuch) und im Schwimmbad sogar durch Ganzkörper-“Burkinis“ unübersehbar ist.

Nachdem ich mich Anfang des Jahres entsetzt über die Gewalt einer Offenbacher Salafistengruppe gegen meine Kollegen vom Hessischen Rundfunk empört und schließlich anläßlich des Anschlags gegen „Charlie Hebdo“ auf Facebook gepostet hatte, die Islamischen Verbände müßten sich bitte JETZT endlich deutlicher gegen Islamistische Terroristen abgrenzen und selbst umso stärker in einen Dialog mit den westlichen Lebenswirklichkeiten treten, brach ein heftiger Streit mit einem muslimischen Freund vom Zaun, den ich bis dato eher als weltoffenen, allseits beliebten Schwerenöter, u.a. charakterisiert durch freiheitlich-lockeren Umgang mit der Damenwelt, keinesfalls aber mit Glaubensdingen in Verbindung gebracht hätte. Doch er fühlte sich durch meine „Generalisierung“ persönlich beleidigt. Mehr noch, ICH würde den Islamisten durch solche Äußerungen erst Raum geben und durch mein alle-über-einen-Kamm-Scheren Haß gegen gemäßigte Muslime schüren. Er, der nach eigener Aussage nicht gläubig ist, bezog deutlich Stellung für die Islamische Community. Das machte mir einmal mehr bewußt, wie identitätsstiftend Religion ist, wie fest verankert in der Selbstwahrnehmung der Menschen, die mit ihr aufgewachsen sind. Deshalb war es nun hochspannend für mich, Hamed Abdel-Samads aktuelles Buch über den Propheten Mohamed zu lesen. Einem Autor, der selbst früher strenggläubiger Muslimbruder war, aber inzwischen Bücher wie das über den „Islamischen Faschismus“ veröffentlicht hat.

„Mohamed – eine Abrechnung“ ist ein knallhartes Psychogramm des Propheten. Erstellt von einem, der nach eigenen Angaben als Kind den Koran auswendig rezitieren konnte.
Selbst dem wohl reformistischsten deutschen Islamwissenschaftler, dem Münsterraner Dr. Mouhanad Khorchide, dürfte bei der kompromißlosen Wucht von Abdel-Samads Werk der Atem stocken.
Am ehesten erinnert es mich an die Wirkung, die Eugen Drewermann in den 90ern auf mich ausgeübt hatte: meinen Jesus bis aufs Blut entzaubert, alles Heilige wie mit Vanish Oxy Action weggeblastet… Am Ende waren wir dann „alle irgendwie Söhne Gottes“. Das war kein schönes Gefühl, und ich erinnere mich daran, daß ich seine Argumentation auch nur bis zu einer geschützen Hülle an mich heranließ. Ein gerüttelt Maß Restmystik habe ich mir dahinter für meinen Glauben bewahrt. Ich bin deshalb etwas ratlos, wie unsere Gesellschaft, speziell die Muslime, mit Abdel-Samads Buch umgehen werden.

Abdel-Samad wird von Kritikern gern vorgeworfen, sich nur äußerst subjektive Rosinen herauszupicken, nicht wissenschaftlich zu arbeiten. Er ist kein Islam- sondern Politikwissenschaftler. Seine überdeutliche eigene Säkularisierung, die nicht erst als Roadmovie-Kollege in Henryk M. Broders dokumentarisch-satirischer ARD-Serie „Entweder Broder“ begann, wird in der Fachwelt skeptisch beäugt. Doch, was ich bisher von ihm gehört und gelesen habe, klingt wohlbedacht und schlüssig. Ich habe ihn schon mehrmals auf der Frankfurter Buchmesse und z.B. auf einer Lesung in der Wiesbadener Landesbibliothek gesehen. Und natürlich in unzähligen Talkshows zum Thema Arabischer Frühling, Islam und Integration. Natürlich frage ich mich: hat man sich mit ihm jetzt dankbar auf einen eingeschossen, der ja wohl triftige Gründe haben müsse, wenn er so über ehemals „Seinesgleichen“ spricht und schreibt? Und die Tatsache, daß Abdel-Samad bei Burschenschaften und der AfD als Gastredner auftritt, macht es mir nicht leichter. Aber sein Buch über den Propheten fabuliert nicht plump daher, sondern weiß engmaschig Quellen vorzulegen. Dabei dürfte es zwar nicht nur mir als Islam-Unkundigen schwerfallen, mögliche überbreite Interpretationen oder Übertreibungen des Autors überhaupt zu erkennen, – aber einem im Kern grundfaulen (Holger-) Apfel würde man es m.E. dann doch an der einen oder anderen Stelle anmerken. Das ist bei meiner Lektüre nicht geschehen.

Hamed Abdel-Samad führt mich als Leser zunächst an den Menschen Mohamed aus dem 7. Jahrhundert heran, über den historisch-kritisch übrigens nichts eindeutig belegt ist. Und wie mit vermutlich allen religiösen Figuren geschehen, wurden auch in seinem Fall Spuren verwischt, Legenden gebildet und Allerlei zurechtgebogen, je nachdem, welche politischen und theologischen Zwecke bedient werden wollten.
Ich erfahre, daß eine verläßliche Gewichtung seines wortgewaltigen Nachlasses eher einem Glücksspiel nahekommt, – je nachdem, ob ich in Mohameds Biographie, im Koran selbst, oder in den über ihn berichteten Geschichten, den Hadithen, nachschaue. Die erste Biographie ist erst 130 Jahre nach seinem Tod geschrieben worden, baut aber auf früheren Texten und Überlieferungen auf. Bereits damals gab es Streit unter den Anhängern Mohameds über Details seines Lebens und die Art der Überlieferungen. Abdel-Samad nutzte als Orientierung vor allem die Hadithen, – konkret solche, die offensichtlich nicht geeignet waren, propagandistisch eingesetzt werden zu können. In ihnen vermutet er die größte Objektivität.
Das Buch führt, stets begleitet von psychosozialer Analyse, chronologisch von Mohameds angeblichen Gesprächen mit Gott in einer Höhle (beschrieben wird eine Lichtgestalt, die ihn zunächst gewürgt habe, was Abdel-Samad allerdings als Halluzination/Angstzustand während eines Epileptischen Anfalls vermutet), dem Gründungsmythos des Islam, über die Infragestellung seines Empfangens göttlicher Botschaften, bis zum Big Business als Kriegsherr und unantastbarer Gesetzgeber, durch den er sich schließlich in seiner Zeit in Medina aus der Bedeutungslosigkeit als poetischer Prediger eines friedlichen, neuen Glaubens befreien konnte. Abdel-Samad stellt vor allem die wichtigste Feststellung des Islams überhaupt in Frage, Mohamed sei ein Prophet. Diese fußt seiner Beurteilung nach lediglich auf der unbestätigten Aussage seiner ersten Frau Khadidscha, die letztlich selbst nichts gesehen, sondern seinem streitbar religiösen Erlebnis einfach Glauben geschenkt habe.

Hamed Abdel-Samad hält Mohamed zugute, er habe allen Arabern einen Gründungsmythos, ein Kollektivgedächtnis, eine gemeinsame Religion, und ein heiliges Buch geschenkt. Allerdings räumt er bereits im nächsten Atemzug mit der negativen Beschreibung Mekkas vor Mohameds Zeit im Koran auf, beziffert vielmehr die guten Strukturen und vor allem religiöse Toleranz, die es dort vorher gegeben habe.
Und der Koran wird selbst auf die Guttenberg-Couch zitiert:
vieles sei schlicht syrisch-christlich-orthodoxen Quellen entlehnt, im Laufe der Entstehung des Koran verwoben mit alten Clan-Gesetzen, die es bereits lange vorher in der heidnischen Zeit der Arabischen Stämme gegeben habe.

Abdel-Samads Buch bringt unabhängig von seinen Deutungen aber auch zunächst schlicht Licht ins Dunkel der so wichtigen Grundlagen des Islams, in all die Verwandtschaftsstrukturen Mohameds und der Kalifen, wegen derer sich der Iran und Saudi-Arabien, Sunniten und Schiiten noch heute blutigste Auseinandersetzungen liefern.
Vor allem zeigt er auf, mit welchen komplexen Regeln gläubige Muslime noch heute täglich zu kämpfen haben, einem unerbittlichen Kreislauf an Sünden-Fallen, der auch einer der Gründe zur gewaltbereiten Radikalisierung sein könne, nämlich, wenn die Angst vor der vorhergesagten Hölle so groß werde, daß aus Sicht der Betroffenen nur noch eine Tat hülfe, die alle bisherigen Sünden verbrieft reinzuwaschen scheine!
So radikal ist dann aber auch eines der Fazits Abdel-Samads: Das Beste, was Muslimen heute passieren könne, sei es, die Allmacht Mohameds zu überwinden, ihn stattdessen als den Menschen zu beleuchten, der er war.

Abdel-Samad will in diesem Buch mit dem Irrtum aufräumen, Islamistische Terroristen mißbrauchten den Islam für ihre Zwecke, – vielmehr seien die heutigen grausamen Handlungen von Boko Haram, Al Kaida, der Al-Nusra-Front oder dem IS nur 1:1 Abziehbilder des damaligen Vorgehens von Mohameds Eroberer-Truppen, die er nach seiner erfolglosen Zeit als friedlicher Religionsstifter und Prediger in Mekka durch geschickte Schachzüge gegeneinander aufgehetzt und schließlich für seine politischen Zwecke habe rauben und brandschatzen lassen. Gern werde behauptet, dieser brutale Teil des Koran sei der damaligen Zeit und dem speziellen Zweck der Selbstverteidigung geschuldet, aber Abdel-Samad beharrt und belegt, es seien Angriffskriege gewesen, und aus anderen Quellen gehe deutlich hervor, daß die kompromißlose Gewalt von Mohameds Kriegern keinesfalls eine Normalität der damaligen Zeit darstelle.

Sicher ist der Ansatz, durch ein Psychogramm nochmal eine ganz neue Perspektive auf eine vermeintlich bekannte Persönlichkeit zu eröffnen, nicht neu. Und auch im Alten Testament, aus dessen quasi-Sekundarliteratur sich lt. Abdel-Samad der Koran im Kern speise, werden Gottes Befehle ja in grausamste Handlungsanweisungen übersetzt. Aber Abdel-Samad legt nachvollziehbar dar, wie problematisch es ist, Religion über unsere freiheitliche Gesellschaftsordnung zu stellen. Nämlich, daß Mohameds in Suren und Hadithen gefaßte Gesetze in der Islamischen, also auch unserer Welt noch heute als unantastbar gelten, er selbst als Prophet erst recht. Und anders als z.B. beim Anzweifeln der Unfehlbarkeit des Papstes werden heute leider tatsächlich bei kleinsten Fantasie-Vergehen in vielen islamischen Ländern noch immer drakonische Strafen verhängt, – ermöglicht durch in Stein gemeißelte religiöse Gesetze, die bisher noch keine durchgreifende oder gar umfassende Reformation erfahren durften.

Abdel-Samad zieht Verbindungslinien zwischen Mohameds Vorgehen und Taktieren beim Überfall auf neuralgisch entscheidende Karawanen-Straßen sowie dem Schaffen neuer Clan-Strukturen und den Systemen innerhalb der sizilianischen Mafia. Schließlich wird sogar Adolf Hitler für Vergleiche bemüht. Das ist auch, was mich an dem Buch eher irritiert. All die verwandtschaftlichen Verstrickungen vermag es verständlich und nachvollziehbar aufzudröseln. Aber die Mafia und Hitler hätte es nicht gebraucht, um eindrucksvoll deutlich zu machen, wo Abdel-Samad Aufklärungs- und Reformierungsbedarf bei der Islamischen Community sieht. Schon die Beschreibungen der schier unerfüllbar strikten Gesetzgebung durch Mohamed in Medina legen mir als Leser nahe, tatsächlich einen kritischen Abstand zu versuchen. – was mir als Nicht-Muslim auch nicht schwerfallen dürfte. Natürlich nicht im Lutz-Bachmann-Style…
Ich frage mich aber, wie wohl liberale, weltoffene Muslime die Härte dieses ungeschminkt und kochend heiß auftischenden Buchs aufnehmen und verarbeiten, wenn sie es denn lesen. Religion ist nunmal vor allem identitätsstiftend. Und um eine derart schonungslose Kritik an tief verankerten Grundfesten nicht sofort in den falschen Hals zu bekommen, braucht es schon einen starken Charakter. Da liegt es leider näher, einfach gleich in die Defensive zu gehen, – „dicht“ zu machen. Das wäre schade, denn die vielen Probleme, die wir momentan weltweit mit religiösem Fanatismus haben, lassen sich nicht einfach wegdrücken. Und seit den fassungslos machenden Anschlägen von Paris am 13. November erst recht nicht.

Abdel-Samad berichtet, die meisten Reformer akzeptierten die Unantastbarkeit des Korans und des Propheten, und schöben die Schuld deshalb den früheren Koran-Exegeten, Hadith-Sammlern und Biografen Mohameds in die Schuhe.
Er bringt es auf den Punkt, mit dem ständigen „Suren-Pingpong“ sei niemandem geholfen. Wer den Koran als Ratgeber für den Frieden verwende, tue letztlich nichts anderes als die Islamisten, die in ihm einen Ratgeber für den Umgang mit den „Ungläubigen“ sehen. Denn beide erhöben den Koran damit zu einem politischen Instrument.

Die Gegenüberstellung von Friedens- und Gewaltpassagen solle vielmehr dazu dienen, den Koran als ein widersprüchliches Buch zu entlarven, das nur die Entwicklung einer Gemeinde über 23 Jahre beschreibt, die friedlich war, als sie keine Waffen besaß, und gewalttätig wurde, als sie über militärische Macht verfügte. Allein das disqualifiziere den Koran gänzlich als Orientierungshilfe für Menschen im 21. Jahrhundert.
Nicht eine zeitgemäße Interpretation des Koran könne also die Lösung sein (und da besteht auch der elementare Unterschied zum Ansatz Dr. Khorchides aus Münster), sondern ein Herunterbrechen auf das, was er damals gewesen sei, – nicht gewertet als direkte Niederschrift des Wortes Gottes.
Er solle als die politische Schrift verstanden werden, die er zu seiner Zeit gewesen sei.
Stattdessen würden Mohameds Fehlverhalten und seine merkwürdigen Entscheidungen nach wie vor als Tugenden und Pflichten angesehen, an denen sich Muslime bis heute orientieren sollen.
Bspw. spreche der Theologe Hans Küng von einer „ethnischen Säuberung“ Mohameds an dem dritten jüdischen Stamm Banu Quraiza. Zitiert wird DIE Prophezeiung, die Islamisten noch heute in ihrer „Heiligen Mission“, im Kampf gegen Juden, beflügele: „Das Jüngste Gericht wird nicht kommen, bis die Muslime die Juden bekämpfen und umbringen; bis der Jude sich hinter den Steinen und Bäumen versteckt, und der Stein und der Baum werden sagen: O, du Muslim, o, du Diener Allahs, dies ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt, komm und bring ihn um!“ (Al-Nawawi: Sahih Muslim, Hadith Nr. 2922).

Hamed Abdel-Samad hat auch dieses Jahr wieder auf der Frankfurter Buchmesse gesprochen. Er hält den Islam für nicht reformierbar.
In seinem Buch beschreibt er, daß Saudi-Arabien zwar hohe diplomatische Vertreter am Trauermarsch für die Opfer des Charlie-Hebdo-Anschlags teilnehmen, aber nur wenige Stunden später den Blogger Raif Badawi in Jeddah wegen einer islamkritischen Nachricht auspeitschen und zu zehn Jahren Haft verurteilen ließ. Im Sudan mußte eine britische Lehrerin ins Gefängnis, weil sie ihren Teddybär „Mohamed“ nannte. Ganz zu schweigen von Steinigungen wegen angeblicher Koran-Verbrennungen.
Abdel-Samad schreibt, das Trio von Mohamed, Allah und dem Koran müsse relativiert werden dürfen. Fundamentalismus und Intoleranz seien nicht eine Folge der Fehlinterpretation der Texte, sondern eine Folge ihrer Überhöhung. Die Reform des Denkens beginne, wenn Muslime es wagten, Mohamed aus dem Käfig der Unantastbarkeit zu entlassen.

Letzte Woche war ich auf einer Veranstaltung der Juristin und mutigen Frauenrechtlerin Seyan Ates. Sie schätzt nach eigenem Bekunden Herrn Abdel-Samad sehr, hofft aber noch darauf, daß der Islam reformierbar sei.
Ates träumt von einer Vorzeige-Moschee für eine offene, westlich orientierte Gemeinde, die vor allem das Frauenbild in der Islamischen Welt kritisch hinterfragt und selbstbewußt Gleichberechtigung zum Mann fordert. Das scheint für mich eine wichtige Strömung zu sein, die hoffentlich noch mehr an Fahrt gewinnt.

Hamed Abdel-Samads Buch war vielleicht längst überfällig und bitter nötig. Es schlägt nach meinem Empfinden an mehreren Stellen ohne Not über die Stränge, seine Beschreibung eines verhärmten Mohamed zur Zeit in Medina und meine persönlichen Beobachtungen, wie streng sich viele Muslime eben noch heute an diese Figur gebunden fühlen, werfen für mich aber akute Fragen auf, die es dringend zu lösen gilt.
Den brisanten Details dieser verhängnisvollen Verbindung ausschließlich mit Toleranz und verharmlosenden Relativierungen zu begegnen, scheint mir keine Lösung zu sein.
Abdel-Samads Buch nimmt sich Zeit, Zusammenhänge und Entwicklungen zu erklären. Das tut es gut und verständlich. Gleichzeitig holt es orthodoxe Muslime aber nicht da ab, wo sie stehen. Man muß sich schon aufraffen und diesen Schuh auch anprobieren wollen. Wo sich angesichts in Stein gemeißelter Positionen hier die Extreme geschützt und mit Offenheit begegnen sollen, um mit Verstand und Herz über 1400 Jahre alte Strukturen kontra freiheitlich-humanistischem Denken reden zu können, weiß ich ehrlich gesagt nicht.

Rezension: Jörg Buschka


Buschka geht ins Kino: Magie der Moore

Veröffentlicht am: 16. September 2015, 10:41 pm

Jan Haft, Naturfilmfreunden spätestens seit seinen beiden Filmen über den Wald bekannt, bewältigt mit MAGIE DER MOORE diesmal volle 90 Minuten. Perfekt kombiniert er Outdoor-Bilder mit filigranen Makro-Tricks aus dem Studio. Sein Markenzeichen: jede Einstellung ist aufwändig in Szene gesetzt. Haft ist der Fellini unter den Tierfilmern, seit vielen Jahren schon DER Wunderknabe des NDR. Schwerpunkt bilden diesmal Regen- und renaturierte Hochmoor-Gebiete Nordeuropas, in denen sich alles um den feuchten Torflebensraum dreht, der seinen Bewohnern wenig Nährstoffe bietet, dafür aber unglaubliche Mengen CO2 bindet.

Erzähler Axel Milberg und die perfekt nuancierte Musik machen es mir leicht, mich auf die Geschichten von Bären, balzenden Schnepfen, dem ästhetischen Tanz von Dung-Sporen und herrlich verführerisch-rot und gleichermaßen tödlich lockendem Sonnentau einzulassen.

Haft bespielt meisterhaft alles von Moorlandschaften aus der Vogelperspektive bis zum Spektakel winziger Baggermäulchen und fast unsichtbaren Geißeln von Einzellern aus einem Moorsee.

Die MAGIE DER MOORE breitet sich trotz amtlicher Spielfilmlänge angenehm aus, und die Zeitrafferbilder von Nordlichtern und nebligen Vollmondnächten im Moor gehören zu dem Stimmungsvollsten, das ich im Bereich Naturfilm gesehen habe.

Bericht: Jörg Buschka


Buschka geht ins Kino: Versicherungsvertreter 2

Veröffentlicht am: 12. September 2015, 12:41 am

Wie schon beim ersten Teil schaue ich VERSICHERUNGSVERTRETER 2 im heimischen Caligari Kino Wiesbaden in Anwesenheit des geschätzten Kollegen Klaus Stern, mit dem ich mir eine Reihe Filmemacherfreunde aus Kassel und Berlin teile.

Versicherungsvertreter 2 präsentiert anfangs Highlights aus dem ersten Teil, die zeigen, wie der höchst selbstverzückte Prämienhochstapler Mehmet E. Göker seine Jahresabschlussfeiern wie Gottesdienste zelebrierte und immer neue Policen-Verkäufer in sein militärisch geführtes Drücker-Regiment lockte.
Nahtlos schließt der Zweite Teil an. Beim lauschigen Strandlokal-Essen an der Türkischen Riviera stehen längst die nächsten Jünger stramm und nutzen die Gelegenheit, in Lobesreden dem Meister ihre Begeisterung und Qualifikation anzudienen.
Göker empfängt und residiert seit 2013 exklusiv in der Türkei, weil er im Schengenraum per Haftbefehl gesucht wird. Welchen Trick er sich einfallen lassen hat, trotz über 10 Mio. Schulden und reichlich verbrannter Erde munter weiter in Versicherungen zu machen, enthüllt der Film nach und nach. Genauso wie Details aus Gökers neuem Arbeitsalltag und die schwarzen Wolken neuer Zahlungsprobleme, Spitzfindigkeiten des Insolvenzverwalters in Deutschland und spannende O-Töne einiger neuer Mitarbeiter, die nach wenigen Wochen im neuen MEG-Stammhaus das Handtuch georfen haben. Versicherungsvertreter 2 ist nicht mehr ganz so grotesk wie der Vorgänger, aber er beschert auf amüsante Weise weitere absurde Einblicke in die Lebenswirklichkeit eines Adrenalin-Players, der ohne Werbeanzeigen nach eigenen Angaben noch immer jeden Tag 10 Bewerbungen aus Deutschland erhält und den Kahn längst wieder in den nächsten Abgrund gesteuert hat.

Bericht: Jörg Buschka


FOLKLORE NEUSTART 2015

Veröffentlicht am: 2. September 2015, 4:33 pm

Zum 20. Mal war ich am vergangenen Wochenende auf dem Folklore-Festival in Wiesbaden.
Und die Veranstalter hatten Großes zu bewältigen: nach finanziell desaströsen, weil oft verregneten, Vorjahren und einer abgespeckten Kostenlos-Version 2014 galt es jetzt, neu zu wirtschaften.
Das Gelände rund um den Schlachthof wurde in Fest- zu 8 und Festival-Bereich zu 25 Euro Eintritt eingeteilt, und am Sonntag gab’s das volle Areal für 6 Euro.

Line-Up war super, – für mich vor allem „Element Of Crime“ am Samstag. Aber schon am Freitag wurden die extrem fitten HipHop-Opis von „Fünf Sterne Deluxe“ und der Deutschrapper „Prinz Pi“, der mit der außergewöhnlichen, orchestralen „Herr der Dinge“-CD seines 2006er Albums „!DonnerwetteR“ eine Duftmarke setzen konnte, aufgefahren. Enttäuschend deshalb, daß der erste Festivalabend mit einer gähnenden Leere zu kämpfen hatte. Das Wetter spielte nämlich ebenfalls optimal mit, es war angenehm sommer-kühl. Einfach schade!

Samstag und Sonntag blasteten das Festival’er-Hirn mit Mördersonne, – aber es kamen mehr Feierwillige. Während mir der Samstag noch immer zu dünn besucht schien, war am Sonntag die Hütte wohlig-brechend voll. Das alte alle-zwei-Meter-trifft-man-bekannte-Nasen-Folklore-Gefühl konnte wieder lustig um sich greifen!

Ich hatte am Freitag vor allem viel Freude an “Fünf Sterne Deluxe”, ließ mich aber gern schon am späten Nachmittag vom engelszarten Pop-Liedermaching des ersten Acts „KAJ“ um die Wiesbadener Sängerin Katja Aujesky zum Lausch-Grasen verleiten.

Auf unserer B.e.D.-Facebook-Seite werde ich übrigens alsbaldest eine kleine Foto-Safari veröffentlichen, die ich an den drei Festival-Tagen mit meinem Smartphone unternommen habe.
Am Samstag unterstützte mich mein lieber Kommilitone und gefeierter Fotograf Marcus Michaelis bei „Element Of Crime“ mit seiner ordentlichen, richtig-echten Kamera. Seine Fotos werden auch in meinem FB-Set zu sehen sein.
Zu Sven Regener & Co. muß ich nicht viel sagen, – für mich der grandiose Höhepunkt des Festivals und ein wunderbares Live-Geschenk.
Aber der Abend hielt noch mehr Feyerey bereit: „Les Yeux D’la Tête“ machten mir großen Spaß, und auch die „Antilopen Gang“ verstanden ihr Handwerk. Aber… …auch wenn ich den Refrain „Und Beate Zschäpe hört U2“ samt -Double im Video extrem originell und die Aufarbeitung des NSU-Themas in Popularmedien politisch höchst notwendig finde, stoße ich mich im nächsten Moment wieder am Antilopen-Satz „Deutschland muß sterben, – damit wir leben können!“. Ich konnte auch noch nie was mit schwarz vermummten „Deutschland, halt’s Maul!“-Brüllern anfangen. Das ist wahrscheinlich total gut gemeint, spielt m.E. aber wiederum anderen Extremen plump in die Hände…

An allen Tagen bekam das wichtige Thema Flüchtlinge in Musiker-Ansagen, Performances und Songs ein Forum. Am Sonntag zeigten nach dem Auftritt der Lokal-Matadoren „Whiskydenker“ und dem Kindermusik-Programm der „Mukketierbande“ deshalb auch „Strom & Wasser“, wie Integration ganz greifbar umgesetzt werden kann. Die Band um Aktivist Heinz Ratz, die auch schon durch ihre Refugees-Tour vor einigen Jahren das bloße Labern aufgegeben hatte und direkt zum MACHEN übergegangen war, gab auf Folklore drei ehemaligen afrikanischen Flüchtlingen, einem Dschembe-Trommler, einem Rapper und einer Sängerin, famos Raum in ihren Stücken, abschließend einer iranischen Pianistin.
Zum Schluß kam so etwas wie Kreisch-Alarm auf den Plan. Ein schlaksiger junger Kerl mit frechem Blick stellte sich vor seine Bandkollegen und den großen Schriftzug „AnnenMayKantereit“ vor die tobende Menge und gab eine Art deutschen Tom Waits.
Die zum Bersten männlich-rauh gepreßte Stimme im denkbar krassesten Widerspruch zur Erscheinung des knabenhaften Sympathieträgers. Und egal, wen ich nach dem Auftritt fragte, – es kam knorke an. Ich konnte mich trotzdem nicht für die Stimme begeistern. Mein Problem.

Auf dem gesamten Gelände trieben an allen Tagen auch wieder wandelnde Kleinkünstler ihr amüsantes Unwesen. Schon altbekannt und beliebt: die mobile Kleinst-Disco „Danceparader Superstar“ und die den Schuß nicht gehört habenden französischen Musikantinnen vom „Mademoiselle Orchestra“. Die überdies vielen weiteren Schrägies gibbet dann in den FB-Alben zu bekieken.

Bericht: Jörg Buschka