Buschka entdeckt Deutschland

Big Data in Little Wiesbaden

Filed under: Allgemein — 1. Juni 2014 @ 13:10

Wenn Evaluation nicht mehr der Falsifizierung von Theorien und der Erlangung von Evidenz dient, sondern vielmehr gesammelte Daten zu beunruhigend präzisen “Drehbüchern” und immer exakteren Wahrscheinlichkeitsszenarien a la “Minority Report” werden, wenn der BND 300 Mio. Euro für eine Echtzeit-Überwachung unserer digitalen Aktivitäten ausgibt, dann ist es Zeit; – dann stellt sich Frank Schirrmacher vor den Abgrund und ruft uns zu, aufzuwachen und mitzudenken. So, wie er es gestern bei der Verleihung der Preise der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden im Rahmen seiner Laudatio für den Sprachkultur-Preisträger in der Sparte Fernsehen, Ranga Yogeshwar, getan hat. Es sei schier unnötig, bei soviel offensichtlicher Eignung für diesen Preis noch Gründe für eine Verleihung aufzuführen. Yogeshwar griff das Thema auf und spann den Faden weiter, der ihm zu recht das Zeugnis ausstellte, komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge in grandiose Erklärstücke zu verwandeln. Das Wort “Infotainment” möge er allerdings nicht besonders, fügte der Moderator (so will er übrigens nicht gern genannt werden) hinzu, und veranschaulichte an einem kleinen Exkurs in seine Kindheit in Bangalore und Luxemburg, wie sehr ihn die unterschiedlichen Sprachen geprägt hätten, mit denen er aufgewachsen sei. Die Köchin habe einen eigenen Dialekt gesprochen, der Gärtner ebenfalls, und seine Eltern auch. Er habe schon früh das Gefühl gehabt, Jeder wachse mit seiner ganz eigenen Sprache auf. Er selbst verhalte sich in jeder Sprache anders, – auf Luxemburgisch streite es sich beispielsweise am besten, weil eine dortige Redewendung zum Inhalt habe, man stelle zwar fest, sich im Moment uneins zu sein, werde sich aber am nächsten Tag wieder vertragen. Und es bestehe bei ihm auch noch immer die Gefahr, das Wort “Enzym” in seinen TV-Beiträgen Französisch statt Deutsch zu betonen. Sprache habe ihn, der sowohl eine Mutter- als auch eine Vatersprache habe, sehr geprägt. Es bedürfe für die Zukunft einer verbindlicheren Sprache, die nicht mehr das Gegenteil dessen transportiere, was ihre Worte eigentlich versprächen.

Den Medienpreis in der Sparte Presse erhielt die durch ihr hartnäckiges Interview mit Klaus-Maria Brandauer vor zehn Jahren einem größeren Publikum bekannt gewordene Journalistin Johanna Adorján, die mich zunächst durch ihre Absage an einen Reporterkollegen irritierte, sie wolle nicht “für Online-Medien” in einer Interviewsituation gefilmt und auch nicht auf der Bühne gezeigt werden.
In ihrer Dankesrede gewährte sie vor allem kleine, sympathisch-naive Einblicke in ihre (Arbeits)Welt. Wie die Anekdote, ein Mitherausgeber der FAZ habe ihr beim Volontariatsgespräch einmal gesagt, er sähe keine große Zukunft für AutorInnen, die meinten, im Feuilleton “alles” schreiben zu können. Ihr Vater habe ihr nach einer langen Unterhaltung einmal entgegnet, es sei ihm ein Rätsel, wie sie bei dieser Art, zu erzählen die Texte schreiben könne, für sie so beliebt sei. Und als Erklärung, wie sie es schaffe, ihre Leser mitzunehmen, ohne überflüssige Füllsel und anderen Text-Sondermüll zu produzieren, verriet sie, sich immer eine liebe Freundin aus Süddeutschland vorzustellen, der sie ihre Stories erzähle.

Den Alexander-Rhomberg-Preis erhielt der Auslandskorrespondent der Zeit, Mohamed Amjahid, der vor allem durch seine Krisen-Reportagen aus Kairo bekannt ist.
Seine Dankesrede kreiste um seinen ureigenen Zugang zu seinen Interviewpartnern unterschiedlichster Gesellschaftsbereiche, schlicht auf Anhieb “sympathisch” gefunden zu werden, – was ihm auch immer wieder gesagt werde.

Satire-AllStar Dietmar Wischmeyer hielt schließlich die Laudation auf Oliver Welke, über den er leider nicht alles erzählen könne, da dieser “dummerweise” ja selbst “in der Veranstaltung hocke”.
Dessen vielgelobte “heute show” sei die Rache der Öffentlich-Rechtlichen für die leeren Phrasen und verlogenen Worthülsen der Politik.
Welke rechtfertigte dann in seiner Dankesrede auch freudig, daß es einfach notwendig gewesen sei, Rainer Brüderle jahrelang zu “untertiteln”. Die allermeisten Politiker, die in der Show vorkämen, nämen die Beiträge “sportlich”. Das ZDF halte im übrigen mehr aus, als man ihm wahrscheinlich zutraue, und Beschwerdepost werde von seinem 7köpfigen Autorenteam glücklicherweise fast immer ferngehalten. Nur aus einem absurden Brief habe er sich einen entscheidenden Satz ausgeschnitten und zuhause an die Wand gehangen: “Meinungsäußerungen haben in einer Satiresendung nichts zu suchen!”.

Die Reden waren bis auf einen überflüssigen, sehr zähen Verriß Sick´schen oberlehrerhaften Verhaltens allesamt spannend und lebendig, die Moderation von Nick Benjamin angenehm hier und da aus dem potentiell steifen Rahmen fallend, und die Musikstücke der Wiesbadener Musikakademie von der Tatort-Titelmusik im Big-Band-Sound über ein preisgekröntes Geige-Akkordeon-Spiel und einen gewaltigen Trommlerpart bis zum ungewöhnlich intonierten Paso Doble eine ausgesprochene Bereicherung.

Bericht: Jörg Buschka

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