Buschka entdeckt Deutschland

Burghart Klaußner auf Tour mit “Zum Klaussner”

Filed under: Allgemein — 13. Mai 2013 @ 12:48

Dunkler Vorhang als Hintergrund, Piano, Saxophon, Akkordeon, Trompeten, Kontrabaß, E-Gitarre, – rechts oben über allem thronend ein rundes Wirtshaus-Schild mit der Aufschrift „Zum Klaussner“, – das richtige Besteck für ein tolles musikalisches Menü!

So erlebt am Samstagabend im Malersaal des Wiesbadener Staatstheaters.
Arrangeur Jan-Peter Klöpfel, Trompeter Edgar Herzog, Bassist Gerold Donker, und Gitarrist Sven-Arne Schönemann betraten in legeren dunklen Anzügen die Arena, und der Chef Burkhart Klaußner im schmucken Frack folgte alsbald. Und tat´s wirklich: als sei das Singen sein eigentlicher, bereits hinlänglich nach außen getragener Markenkern, eröffnete dieser wirklich große deutsche Schauspieler den Abend mit zwei französischen Chansons von Charles Trénet, dessen Repertoire, wie Klaußner im Verlauf des Abends zum besten gab, während des Zweiten Weltkriegs als mit gleichen Mitteln dargebrachte, ohrwürmig-wohlige Antwort auf die harsche Horst-Wessel-Lied-Beschallung der Nationalsozialisten per Lautsprecher über den Rhein gedient habe.
Nochmal die Augen gerieben und kurz zugekniffen: ja, – da stand er tatsächlich und war heute einfach mal Sänger! Und lebte dabei -wie schon von seiner Arbeit als Mime bekannt- die Figuren, deren Werken er Ausdruck verlieh.
Ich brauchte eine Weile, eine „akustische Augenhöhe“ zwischen meinem eher störenden Sympathie-“Ballast“ für den Interpreten selbst und seiner gesanglichen Präsenz herzustellen. Die Band beherrschte ihre Klaviatur sehr ordentlich, spielte auch mal einen flotten Schuh, – für Soli gab es Einzelapplaus. Bis zur zweiten Programmhälfte überwog allerdings mein Interesse an den vielen kleinen Geschichten, die Klaußner mit Verve und seiner so besonderen Präsenz zu erzählen hatte.
Nach „Eine kleine Reise“ wurde dann für das etwas steife Wiesbadener Publikum bei „Cheek to cheek“ der lässige Amerikaner gegeben.
Eine Anekdote von Klaußners „Immigration“ nach Bayern läutete das gekonnt mundartige „Fensterputzer Karl“ ein, gefolgt von einem Stück von Peter Igelhoff.

Ich saß am Ort des Geschehens übrigens auf einer Bierbank mitten zwischen überwiegend ergrauten und betagten Zuschauern. Mir gegenüber jedoch eine adrette Dame meines Alters, die ihre Mutter zu dem Abend begleitete. Und nach und nach erspähte ich weitere visuelle Farbtupfer.
Es war sehr warm; Jackett aus! Bei Selbstbedienung und fairen Preisen herrschte eine Art Blauer-Bock-Stimmung. Noch ruhten die Zuschauer allerdings sehr “in sich” und blieben da auch erstmal. Ringsherum hingen Kulissenbilder vergangener Theaterproduktionen. Rustikal-schnuggelisch.
Nach der Vorstellung sollte Klaußner es auf den Punkt bringen: „Das sieht hier ja aus wie auf´m Oktoberfest!“.

Der „Klaussner“ war wirklich ein traditionelles Berliner Wirtshaus, in dem Burghart Klaußners Urgroßvater bereits das erste Pilsner Urquell ausgeschenkt habe.
Als es in den frühen 50ern seine „Glamour-Zeiten“ erlebte, durfte der kleine Burghart noch nicht mitfeiern. So fütterte er seine genüßlichen und detailverliebten Verkörperungen damaliger Interpreten zum Großteil aus Berichten, verfügbarem Filmmaterial und Originalaufnahmen auf Schallplatte.

Im zweiten Programmteil gingen für mich Geschichten und Gesang besser zusammen.
Berührend wie seine Darstellungen auf Schauspielhaus-Bühnen und natürlich auf der Leinwand, holte Klaußner bei seinem Auftritt in Wiesbaden Momente vergangener Zeit zurück, präsentierte mal schlicht ein original Spültuch mit Wirtshaus-Aufdruck, schulterte zum Liebeslied an ein altes Röhrenradio ein eben solches behutsam ans Ohr gelegt, verbunden mit der Erzählung von der Flucht des jüdischen Komponisten und Sängers.
So ganz konnte ich die Anordnung der Stücke nicht entschlüsseln, – fragte aber auch nicht wirklich danach.
Auf jeder Vernissage wird mir ein Sermon von Erklärungen ins Ohr geblubbert, – hier brauchte ich den einfach mal nicht.
Toll schließlich ein Dialog ganz auf Schlesisch, gefolgt von einem entsprechend mundartigen Lied. Es ging also neben der Reise um die Welt um das Thema Vertreibung. Dann zwischendurch einfach mal ein guter jüdischer Witz, – überliefert von einem schweizer Gemeindevorsteher.

Das berührendste und authentischste Stück des Abends war für mich das gute alte „Das gibt’s nur einmal“. Vermeintlich einfach und in seiner tiefen Bedeutung doch als perfekter Moment so schwierig herzustellen wie eine richtig richtig gute Kartoffelsuppe!
„Red roses for a blue day“ folgte, Klaußners betontes Lieblingslied: der bayerische „Stolz von der Au“, Tom Waits´“Martha“, ein vergnüglicher Hamburger Shanty, von dessen Ausgelassenheit mich das traurige „Danny Boy“, die Geschichte vom geliebten Sohn, der seinen Vater gen Fremde verlassen muß, wieder gekonnt erdete. Wieder das Thema Endlichkeit. Begrenztheit. In seinen Filmrollen berührt Klaußner gerade in diesen Themen. Als überstrenger Pastorvater in „Das Weiße Band“ ist er die Instanz, die unmißverständlich Grenzen definiert und verkörpert. Als Sänger wiederholt er das durch die Auswahl der Stücke, – um gleichsam auch immer wieder irrationale menschliche Antworten darauf zu finden. Das ist die künstlerische Botschaft des Abends für mich: die verdrängte und doch und nahende Endlichkeit immer wieder durch das Leben selbst aufzubrechen und ihr den Schrecken/ die Macht zu nehmen!
Klaußner gegen Klaußner, – und dann überraschend der Hinweis, er werde trotz seiner vielen Aufenthalte im Rhein-Main-Gebiet nicht peinlicherweise den Wiesbadener Dialekt nachahmen; um es schließlich doch zu tun. Wie war nochmal eine der Anekdoten…? Ein Sohn wurde sogar hier gezeugt? Hab ich das richtig verstanden?

Die Zugaben „Puttin´on the ritz“ und „Honey pie“ rundeten den Abend ab.
Aber da war vor allem noch dieses Lied mit der wichtigen Botschaft, vielleicht DER Antwort auf viele gesellschaftliche Fragen unserer Zeit. Klaußner kündigte an, einen Song von Udo Lindenberg zum besten zu geben. Einen, den der nuschelnde Altmeister selbst nie veröffentlicht habe. Gespannt warteten wir also auf Wildes wie „Boogie Woogie Mädchen“. Doch es war der alte Dietrich-/Knef-Klassiker vom „Koffer in Berlin“, neu getextet und interpretiert, gespickt mit Hinweisen auf Terrorismus- und Kriegs-Themen unserer Zeit. Die Bibel und der Koran steckten beide im Koffer FÜR Berlin, – mündend in einer Vision von einem besseren Verständnis und Offenheit zwischen den Kulturen.
Gerade in Wiesbaden ein Wunsch, dem die Realität reichlich hinterherhinkt.

Ein überraschender, besonderer Abend, der mir viel Spaß gemacht hat!

Bericht: Jörg Buschka

Keine Kommentare

Noch keine Kommentare

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag.

Entschuldige, das Kommentarformular ist zurzeit geschlossen.