Buschka entdeckt Deutschland

Circus Digitale

Filed under: Allgemein — 6. November 2012 @ 18:08

-Das European Youth Circus Festival fand vom 1. bis 4. November wieder in Wiesbaden statt!

Was in der Schule der letzte Schrei und sonst nur von Video-Künstlern oder Pop-Konzerten bekannt ist, hat nun auch in das alle zwei Jahre veranstaltete Wiesbadener „European Youth Circus“-Festival Einzug gehalten: es wurde live an die „Tafel“ projeziert!
Als ich showhungrig am ersten Abend zum Wettbewerb B endlich wieder am Rand der Manege Platz nehmen durfte, fiel mir diese große moderne Kleinigkeit gleich auf. Kein unveränderbares nostalgisches Zirkus-Design umgab mehr die gesamte die Künstler von der Manege trennende Front rund um den Vorhang, sondern eine in genau deren Grenzen geformte Leinwand.

Darauf wurde zu jedem der zwischen 11 und 25 Jahre alten Artisten, insgesamt 27 Acts aus Einzelpersonen und Gruppen, eine von vielen bunten Kreidezeichnungen bestehend aus Dschungelbildern, Stadtimpressionen oder utopischen Luftschiffen, einer live abbrennenden Kerze, oder einer herbstlicher Blättercollage, projeziert. Circus Digitale! Ein bißchen so, als schaute man als Zuschauer noch immer auf sein heimisches Computer-Desktop oder sein Smartphone. Die über allem thronende Band z.B. (die jeden Abend tolle Musik abgeliefert hat!) wurde durch Echtzeit-Memos vorgestellt; die Funktion jedes Musikers -parallel zur Nennung durch die inzwischen aus den USA eingeflogene Augenschmaus-Moderatorin Natascha Berg- als Wort an die „Tafel“ geschrieben und per Pfeil zugeordnet. Innovativ, aber etwas gewöhnungsbedürftig. „Kalte Technik“ und angenehm-naive Ästhetik der Kreidezeichnungen im Zusammenspiel, das den wohlbekannten Raum Zirkus öffnete und eine ganz neue Atmosphäre schaffte.

Gewohnt und vertraut hingegen der Flair: das große rote Sarrasani-Zelt, das diesmal innen in den Zugangsbereichen und dem „Foyer“ ganz in weiß gehalten war, all die aus einem Paralleluniversum zu stammenden Zirkus-Manager, Strippenzieher, vielen Helferlein, AssistentInnen, etc., z.B. vom Wiesbadener Jugendzirkus. Und das Ganze war natürlich wieder eine gesamteuropäische Veranstaltung. Die internationale Jury um „TigerPalast“-Chef Johnny Klinke wurde mit dem gewohnten Pomp und Applaus begrüßt -diesmal mit James-Bond-Einschlag-, und während international beim Marathonlauf seit Jahren die Kenianer die Meßlatte setzen, gaben in Sachen Artistik in Wiesbaden auch diesmal wieder die Russen und Ukrainer ihren gewohnten Weltklasse-Druck ins Segel.
Johnny Klinke brachte es am ersten Gala-Abend nochmal deutlich zur Sprache: was hier alle zwei Jahre stattfindet, hat in der Tat internationales Niveau und macht Wiesbaden regelmäßig für einige Tage zur Hauptstadt der jungen Artistik!
Ich kann es nur bestätigen: nie war das Niveau so hoch wie dieses Jahr!
Keine leichte Aufgabe also für die Jury, – was mir die schöne Jurorin Anastasia Voladas, vor zehn Jahren selbst Newcomerin als Handbalance- und Hula-Hoops-Act und inzwischen europaweit im Geschäft, berichtete. Manche Entscheidung kam zum Schluß auch für sie überraschend, – der klassische Konflikt zwischen Kunst und Klingender Kasse eben.

Die Veranstalter setzten diesmal auch hinsichtlich der Eröffnung neue Akzente.
In dieser Art bisher nicht gekannt, etablierte Regisseur Sebastiano Toma mit einigem Aufwand eine Art Musical-Szenario. Hierzu wurde die Projektionsfläche zur randvoll beschriebenen grünen Schultafel. Die Artisten betraten die Manege, um kurz danach -dramatisch von einer Lehrerin „kommandiert“- auf richtigen Schulstühlen an richtigen Schultischen Platz zu nehmen. Nicht einige wenige, sondern man hatte ihnen gleich einen ganzen Klassenraum an Mobiliar aufgebaut.
Was dann folgte, war als Idee gut und innovativ, dauerte aber mit insgesamt 11 Minuten zu lange: die Performance durchlief mehrere Sequenzen; nach dem Gehorsam folgte „Anarchie“ im Klassenraum, was die Lehrerin umgehend vertrieb. Dann durfte jeder Artist bzw. Gruppe für einen Moment einen Appetithappen des eigenen Könnens darbieten. Darunter viele schöne, kleine Momente. Im Zirkus bin ich aber einfach nicht auf saftige Zeitfenster a la Olympia-Eröffnungs-Show eingestellt. Auf Nachfrage wurde mir später versichert, daß man die Sequenz für eine entsprechende Tournee mit der nötigen Vorbereitungszeit, Zeitfenstern und Kapazität auch sicher nochmal gekürzt hätte.

Das Portfolio an Darbietungen und Originalität wurde dann furios abgefeuert. Keine der Nummern stand professionellen, bereits „eingekauften“ Zirkus-Programmen in Irgendwas nach. Im Gegenteil: die Begeisterung und Frische junger Artisten hat sogar etwas dankbar Unverbrauchtes, das an Charme durch erfahrene Routiniers wohl kaum zu erreichen ist.

Es ist schwierig, im Artistik-Bereich wirklich Neues zu zeigen. Der Anspruch wächst von Jahr zu Jahr, und auch der verwöhnte Wiesbadener Zuschauer will erstmal aus Altgewohntem heraus vom Stuhl gekitzelt werden. Das ist die Kehrseite des hohen Niveaus eines solchen Festivals.
Am zweiten Wettbewerbs-Abend saß neben mir ein Jongleur und Strapaten-Artist des Schweizer Circus Monti. Er erklärte mir, daß es einen Unterschied gibt zwischen bloß gut wirkenden und tatsächlich gut gemachten Nummern. Es muß selbstredend eine gelungene, neuartige, magische Mischung aus vielen Faktoren sein, um eine Nummer einzigartig zu machen. Doch in seinem Bereich stehen eindeutig die Technik und das Erweitern der eigenen Grenzen im Mittelpunkt.

Aus der Vertikalen kam bei diesem E.Y.C. Festival die für mich auffälligste Innovation: höchst anspruchsvolle Körperleistung gepaart mit leicht wirkendem Slapstick. Buster Keaton und Charlie Chaplin haben Einzug gehalten in einem Bereich, der bisher von Eleganz und Präzision dominiert wurde!
Auf einmal gibt es frech zum Publikum plappernde, ihre eigene Performance kommentierende und dabei gleichzeitig scheinbar gegen ihre Nummern-Partnerinnen agierende Trapez-Gören, die die Herzen erobern: z.B. das Deutsch-Belgische Duo „Passe-Pieds“, die in der Altersklasse von 18-25 Jahren den Festivalpreis in Silber mitnehmen konnten.

Oder „Charlotte & Saphorine“ aus der Schweiz und Frankreich, die sich bei waghalsigen „Verknotungen“ auf dem Vertikalseil auch noch gegenseitig die Show stehlen und dabei selbst Po-Klatsche und Fußtritte einsetzen. Für ihren äußerst unterhaltsamen und technisch bravourösen Act gab´s erst den hochdotierten Preis des Verbandes Deutscher Varieté-Theater und obendrauf auch noch den Publikumspreis „der Herzen“.

Vertikaler Wahnsinn und gefühlte Unmöglichkeiten im Umgang mit der Erdanziehung zogen mich dieses Mal besonders in ihren Bann.
Da war noch die Französin Alba Faivre, die am Chinesischen Mast -wie sie selbst sagt- „wie ein Wassertropfen herunterperlt“. Gleich zu Beginn ihrer kurzen, aber ungemein fesselnden Nummer kletterte sie scheinbar mühelos und schnell die hoch in die Kuppel ragende Stange empor, um gleich darauf horizontal seitlich daran „hängend“ mit voller Fallgeschwindigkeit bis auf wenige Millimeter Abstand zum Boden herabzusausen.
In den wenigen Minuten ihres Auftritts folgten technisch „verboten“ aussehende Salti, „Verrenkungen“ und Arm-Auskugel-Moves erster Güte. Absolut ungewöhnlich und höchstklassig!
Ganz klar eine meiner FavoritInnen, – auch weil in dem vergleichsweise kurzen Auftritt so viel Novum und geballte Power steckte. Sie gewann am Ende immerhin den „Preis der Circus-, Varieté- und Artistenfreunde Schweiz“.
Meine Top-Artistin des diesjährigen Festivals ist Lisa Rinne, die nicht nur „unhaltbar“ gefährlich die Strickleiter herunterpurzeln konnte, sondern auch am Trapez die eben erwähnten Gesetze der Schwerkraft als ungültig bloßstellte. Ein Drehen, Überschlagen, Winden und „Verrenken“, für das ein simpler Zirkus-Freund wie ich keine passenden Worte findet. Sie gewann denn auch absolut verdient den E.Y.C. Wettbewerbs-Preis der Altersklasse 18-25 Jahre in Gold, – in diesem Jahr übrigens erstmals neben einem weiteren Preisträger: dem „Trio Dac“ aus Belgien/Frankreich mit ihrer extrem schrägen Schleuderbrett-Nummer, für die sie nach einem Adrenalin-Einstieg per Freiem Fall von der Zirkuskuppel als Nebenschauplatz einen ausgiebigen Casual-Strip von der Business-Kleidung zu Mucki-Männern hinlegten. Während sie mich beim Wettbewerb zunächst nicht überzeugten, wurde mir bei ihrem Gala-Auftritt klar, was für einen hohen Schwierigkeitsgrad sie zusammen mit Comedy-Elementen und Lässigkeit aufs Tapet brachten. Absolut verdientes Gold – auf den zweiten Blick!

„Flic Flac Zirkusfestival“-Sonderpreisträger Daniel Golla aus Deutschland konnte mit seinen selbstgebauten und best“dressierten“ bis zu einen Meter langen Modellflugzeugen zwar keinen Preis einheimsen, erweitert für mich aber angenehm den Zirkus- und Akrobatik-Begriff in Richtung Unterhaltung! Elegant, waghalsig und technisch perfekt sausten die filigranen Dinger über die Köpfe der Zuschauer hinweg, zogen mal Lametta hinter sich her, mal Linien aus LED-Licht oder Wunderkerzen, und blieben z.B. überraschend in der Luft „stehen“. Zirkusreif eben!

Ein Heimspiel hatte der smarte Hut-Jongleur und Wiesbadener „John Pathic“ alias Yussuf Haji-Nasir aus dem Stadtteil Biebrich, der mit seiner gekonnten und sympathischen Nummer inklusive eines zu einem Michael-Jackson-Remix abgelieferten Moonwalks den „Preis des Wiesbadener Kuriers“ erhielt. Sein heimischer Fanclub samt Familie stärkten ihm zu jeder Performance laut rufend und applaudierend den Rücken; nur ausgerechnet am Galaabend brauchte er für den Schlußact deutlich mehr Anläufe als üblich.

Der erwartete Preisregen in Richtung Rußland/Ukraine fiel dieses Jahr dann eher wie ein kurzer Schauer aus:
Der 12jährige „Husik“ alias Khusain Gulyanov, Preisträger des „Goldenen Clowns 2010“ des internationalen Clown-Festivals in Monte Carlo, erhielt für seine erstklassige und mit einem speziell anmoderierten „Nasen-Loop“ abgerundete Hula-Hoop-Performance den Preis der Wiesbadener Kirchen, der 13jährige Einradfahrer Juras Pratusevicius aus Litauen erhielt den „Preis der A.G. Grimailo Studios Moskau“, Kontorsionistin Alesya Laverycheva aus Rußland erhielt für ihren beeindruckenden Act den „Preis des Varietés ‘Neues Theater Höchst“, verbunden mit einem Engagement in dem Haus, und der erst elfjährige Svaytoslav Rasshivkin aus Rußland bekam für seine technisch und darstellerisch bereits hochentwickelte Performance an den Strapaten sehr verdient den Silbernen Festivalpreis in seiner Altersklasse.
Doch sowohl die sich in einer Art Boxkampf durch die Gegend werfenden „Gerasymenko Brothers“ aus der Ukraine als auch Luftakrobatin Elizaveta Reznichenko aus Rußland, die ukrainischen Akrobaten „Momento di Passione“, das russische Duo „Daria & Polina“ mit ihren Hula-Hoop-Reifen und das russische Hula-Hoop-Trio „Circus Grazie“ mit einer Vielzahl um ihre kleinen Körper wirbelnder und rotierender Dreiecke konnten die Jury durch ihre Leistung nicht überzeugen.

Der bereits „Moulin Rouge“-erprobte Handstand-Akrobat André Stykan aus Tschechien erhielt für seine gute und routinierte Nummer, die er mit reichlich Glam-Effekten und Lichtblitzen würzte, den „Preis des ‘Internationalen Circusfestivals von Latina’“, verbunden mit einer Einladung dorthin.
Die vier sehr charmanten und das Publikum durch ihre waghalsigen Loopings mitreißenden „Black Roses“ aus Ungarn, zwei Paare auf jeweils einem Einrad, wurden mit dem „Preis der European Circus Association“ geehrt. Ein Ensemble wie geschaffen für die Manege, von dem wir noch viel zu sehen bekommen werden!

Die 17jährige wallend blond gelockte Strapatendame „Adèle Faime“ alias Elodie Weiser aus Frankreich erhielt Bronze.
Technisch gekonnt, fand ich ihren Auftritt allerdings ein wenig zu „quirlig“. Dem Hände-durch-die-Strapatenschlaufen-Stecken immer ein Wirbelsturm aus Armrudern und Gestik voraus. Auf der Gala hat´s mir dann wiederum gefallen. Sehr verdient jedenfalls, die Auszeichnung ihrer Leistung!

Elisabeth Schmidt aus Deutschland bekam in der Altersklasse bis 25 Jahre Bronze. Superattraktiv, ein umwerfendes Lächeln… …und eine tolle, graziöse Performance am Tuch obendrauf!

Absoluter Abräumer des Festivals ist der 16jährige Niederländer Michael Betrian, der mit seiner frechen und technisch brillianten Diabolo-Nummer neben Gold auch noch den Preis des Tigerpalastes Frankfurt, „Varieté der Zukunft“, samt einem Engagement dort, mit Nachhause nehmen durfte. Stilvoll mit Schlagmütze, Hemd und Weste als windiger Uhrendieb und -schwarzverkäufer gekleidet, kombinierte er, der wie ein kleiner Bruder von Xavier Naidoo aussieht, von der ersten Sekunde an Nostalgie-Look mit einer rasanten Darbietung, die einem keinen Moment Zeit zum Luftholen ließ.

Auch wenn selbst in der Hessischen Kulturkasse die Groschen wohl nicht mehr so locker sitzen: dieses Festival, das quasi JETZT schon wieder für 2014 ausverkauft sein dürfte, ist ein Selbstläufer, der jedes Mal eigene, neue Maßstäbe setzt.
Ende Oktober/Anfang November 2014 ist definitiv ein Datum, das man sich heute schon dick notieren und an die Wand pinnen sollte – bis es schließlich im entsprechenden Jahreskalender eingetragen werden kann!

Bericht: Jörg Buschka

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