Buschka entdeckt Deutschland

Circus-Zauber und sanfte Geburt – wie der kleine Vogel “Nandou” zur Welt kommt

Filed under: Allgemein — 9. September 2013 @ 16:42

Nein, er heißt nicht so, er IST ein Nandou! Das weiß ich aber erst seit eben, – ich hatte die Pressemappe nämlich absichtlich nicht vorher gelesen, weil ich meine siebenhundert Sinne selbst deuten lassen wollte, was ich Samstagabend Verzauberndes auf den Wiesbadener Reisinger Anlagen gesehen und gehört habe…

Was ist der “Cirque Bouffon” und seine kleine Zauberwelt rund um den Nandou? Ein kleines, aber immerhin gen 400 Personen fassendes Zirkuszelt, umgeben von eigens liebevoll angelegten Wegen, beduinisch anmutenden Sitznischen aus Sandsäcken und bunten Kissen, stimmungsvoll kreisrund angelegten, flackernden Teelichtern, einem Verkaufswagen mit reichlich Getränke- und Kunspervorrat, sowie einem eigenen After-Show-Zelt, in dem der Gast -ebenfalls auf gemütlichen Kissen gelümmelt- später noch einen Bourbon oder eine Limonade samt Brezeln schnabutzeln kann.

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Ein Abend in dieser Welt geht so:
Es geht los: ich darf ganz vorn sitzen. In diesem Zelt heißt das: wirklich ganz vorn! Meine Schuhe stehen quasi ein Stück in der Manege. Wow!
Da singt, tanzt und musiziert zu Beginn der Show “Nandou” eine erlesene Riege von Artisten, Clowns und Musikern um einen großen, afrikanisch anmutenden Holzvogel in der Mitte der Manege herum, dann erscheint zum stimmgewaltigen, mystischen Gesang einer elegant das Rund entlangschreitenden Dame (deren bronzen-vergoldeter Kopfschmuck mich an eine Göttin aus “Conan der Barbar” erinnert) ein Pierrot, Evgeny Pimonenko, mit einem der Eier des Vogels.
Im weiteren Verlauf dieses Spektakels kommen alle Akteure immer wieder gemeinsam zu einer Art Tanztheatergruppe zusammen, in Bühnensujets zwischen musikalischem Traum und klassischen Slapstick-Nummern, bei denen immer jemand Anderes von ihnen im Mittelpunkt steht, – und nicht selten ist es das (Straußen-) Ei, das mal auf einem Rund von allen gemeinsam balanciert wird, zusammen mit anderen Eiern über eine improvisierte “Rinne” aus halbierten Bambusstäben kullert oder sich dank seines im Innern erwachten Bewohners auch mal von selbst auf den Weg macht, die Manege zu erkunden.

Eines sollte man als BesucherIn nur wissen: Die vielseitig bezaubernde Show ist fast mehr ein Circus-Musiktheater als eine klassische Circus-Vorstellung! Mir gefällt die von Sergej Sweschinskij eigens für “Nandou” komponierte, mit seinem Kontrabaß und durch ihre eingängigen, von Rudik Yakhin gespielten Akkordeon-Passagen mal an “Amélie”, mal an russische Polka, und durch Anja Krips´ flehenden Gesang an arabische Spirituals erinnernde Musik sehr gut, aber sie bekommt für meinen Geschmack insgesamt etwas zu viel Gewicht. Anja Krips, gleichzeitig Direktorin des Circus, trifft es allerdings mit ihrem am Ende der Vorstellung formulierten Wunsch sehr gut: dieser Abend soll vor allem “entschleunigen”. Das gelingt dem Ensemble absolut, – und daran hat die tolle Musik einen wichtigen Anteil!

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Am Sonntagabend war ich übrigens mit einem Freund, der die Show auch schon gesehen hat, nochmals auf dem Gelände, wir haben uns draußen in die Kissen geflezt und der Musik der drinnen stattfindenden Vorstellung samt Applaus und Jubel gelauscht. Später stellten wir uns zu den Künstlern noch beim verdienten AfterShow-Bierchen an den Tisch und bekamen einen sehr sympathischen Eindruck vom familiären Flair des Circus-Lebens.

Weiter zum Ablauf: Die die Einzelacts verbindenden und zusammenhaltenden Gemeinschaftsnummern sind gelungen und machen diese Produktion zu etwas Besonderem. Das kennt man so sonst höchstens von “Afrika! Afrika!” oder “Flic Flac”. Es ist launig, wenn das Ensemble sich plötzlich als Theaterpublikum formiert und einen Kollegen (Goos Meeuwsen) anhimmelt, der zu Operettenklängen wunderbar trashig den Mund aufreißt und -auf einer “gefährlich” wackeligen Leiter stehend- dabei zusätzlich vollen Körpereinsatz bringt, auf den Enden zusammengehaltener Bambusstämme sitzt, die nach und nach entfernt werden, und von denen zuletzt nur noch einer übrigbleibt, und wenn der Trommler (Adam Tomaszewski) sein Drumkit nur deshalb voll spielen kann, weil ihm “im Vorbeispringen” nacheinander die jeweils genau richtigen Trommeln und Cymbals einzeln hingehalten oder im Kreis formiert werden, während er spielend um sie herumläuft.

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Die eigentlichen Conferénciers des Abends sind in ihrem stylischen 50es-Outfit die Komiker Helena Bittencourt und Goos Meeuwsen, weil neben dem musikalischen Rahmen vor allem ihre Nummern die Vorstellung durchziehen.
Ihr großes Thema ist die Pantomime. Bittencourt als eine Art hinterlistige Amélie, Meeuwsen ein wenig an Sacha Baron Cohen erinnernd, – beide sehr stark und fesselnd – von Mimik bis Gesamtausdruck.
Vom ins-Publikum-Schleudern imaginären Schneuz-Schleims, der selbstverständlich immer wieder platschend in einer Plastiktüte landet, bis zu einer nur aus Lauten intonierten “Gesangsnummer” mit Gitarre im Bossa-Nova-Sound stecken sie alle Lebensbereiche ab. Es regnet Herzen, sie küssen sich, sie überlisten sich, – und bekommen auch mal Mikrofone und Boxsäcke auf die Nase.
Nebenbei “attackieren” sie noch Sweschinskijs Kontrabaß-Spiel mit eigenen Bögen, und versuchen, Yakhin am Akkordeon-Spielen zu hindern, indem sie ihm Backfäustlinge überziehen.
Ihre Kollegen Bert Loenders & Frederique Snoeks alias “Bert & Fred” mit ihrem als spektakulär angekündigten Programm aus Trapez, fallenden Messern und schwingenden Hämmern konnte ich am Vorstellungsabend übrigens leider nicht sehen, da sie bei der Aufzeichnung einer Fernsehshow waren.

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Meine Lieblingsacts des Abends sind die Trapez- und die Seil-Nummern der entzückenden und durch ihre Leistung beeindruckenden Linda Sander, die zudem in schwindliger Höhe Kontorsionen fertigbringt. Akrobatik der Spitzenklasse! Ich würde gern noch mehr davon in Worte fassen, aber ihre in Anmut gegossene Perfektion und die Spannung der Nummern entziehen sich weitestgehend der Beschreibung. Es sind waghalsige Drehungen und Stürze vom Seil, bei denen nur im Schwingen schnell hingeworfene “Knoten” den Absturz verhindern, und am Trapez sind die ansonsten ungesichert eingewinkelten Füße der einzige Halt vor dem harten Manegenboden, der hierbei nur durch eine dünne Kissenunterlage “notgepolstert” wird.

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Dicht gefolgt von einer kleinen, aber wunderschönen Jonglage-Nummer von Fréderic Zipperlin, dem Circusdirektor und Regisseur von “Nandou”, der ehemals Mitglied des großen “Cirque du Soleil” war.
Zipperlin, der im Rahmen des Programms eine ebenfalls sehr gelungene Mund-Jonglage-Nummer mit Tischtennisbällen präsentiert, läßt eine schwere, transparente Glaskugel von seiner Stirn seinen Rücken hinunter und über seine Schultern rollen, und läßt sie zuletzt auf einen ebenfalls gläsernen Quader landen, der auf seinem gegenüberliegenden Arm liegt.

Eine wunderschöne und technisch anspruchsvolle Nummer liefern Daniella und Michal. Die Geigerin spielt vom Feinsten, lässig auf der Seite ihres Partners sitzend, der währenddessen eine die Grenzen der körperlichen Belastbarkeit herausfordernde Handakrobatik ausführt.

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Evgeny Pimonenko sorgt, hoch auf einer Leiter balancierend, mit einer verträumten Jonglage mit seinen vielen Pierrot-Halsringen aus Stoff, gleichzeitig für Poesie und Spannung.

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Nataliya Nebrat zeigt neben einem kunstvollen orientalischen Tanz inmitten schwingender, auf Seile gezogener Stäbchen, eine tolle Hula-Hoop-Nummer im Zusammenspiel mit Akkordeonspieler Rudik Yakhin.

Zuletzt hat es der kleine gefiederte Bewohner dank seiner vielen Beschützer geschafft: ein kleiner Vogel pellt sich aus dem Ei und wird vom Pierrot ganz zärtlich auf einen der Flügel der hölzernen Vogelmama gesetzt.
Die Zuschauer goutieren das entrückte Circus-Theaterstück mit stehenden Ovationen und freuen sich, daß es draußen auch schon direkt den Soundtrack zu kaufen gibt.
Ich bin -wie gesagt- am Tag darauf gern wieder in diese fremde, spannende Circuswelt zurückgekehrt; und im Gespräch mit Helena Bittencourt war es fast, als wäre Rio de Janeiro nur noch eine Flugstunde entfernt. Von so weit kommt die “Amélie” des Abends nämlich.
Wer zusehen möchte, wie sie dem Akkordeonspieler das Leben schwermacht und ihren Kollegen Meeuwsen auf Trab hält, und nebenbei auch Lust auf die vielen anderen wunderbaren Nummmern bekommen hat, dem empfehle ich einen Abend im “Cirque Bouffon”!

Bericht: Jörg Buschka
Fotos: Nachtfoto: Jörg Buschka, alle übrigen: Cirque Bouffon

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