Buschka entdeckt Deutschland

Der Druck des Kollektivs kontra Selbstentfaltung – Hamed Abdel-Samads neues Buch “Integration – Ein Protokoll des Scheiterns”.

Filed under: Allgemein — 15. April 2018 @ 11:28

Noch so ein Buch, das nörgeln und kleinreden will, was in den letzten Jahren alles an wichtiger Integrationsarbeit geschafft wurde, das vielleicht sogar rechten Argumentierern in die Hände spielt, – wo die doch grad´ ohnehin einen Lauf in unseren Parlamenten haben? Nachdem die Willkommenskultur sich hierzulande merkelich gedreht hat? Braucht es denn noch mehr Öl ins Feuer…?

Pünktlich zum Bekanntwerden, daß Kinder in einer deutschen DITIB Moschee mit Spielzeugwaffen “zu Ehren” Erdogans aufmarschiert sind, lese ich das neue Buch von Hamed Abdel-Samad. Wenn er von gescheiterter Integration spricht, richtet er seinen Fokus erwartungsgemäß nicht auf die Integrations-Erfolgsgeschichte der vietnamesischen BoatPeople in Deutschland, kreist auch nicht um die gesellschaftlichen Verästelungen italienischer Mafia-Clans oder der Sinti und Roma aus Bulgarien und Rumänien hierzulande, sondern beleuchtet die “Antithese mit Tradition” zwischen Orient und Okzident, – konkret die Geschichte des Nicht-Ankommens vieler Muslime in der Deutschen Mehrheitsgesellschaft. Ursachen dafür findet er gleichermaßen bei den Einwanderern und bei den Alteingesessenen. Hamed-Samad zeigt aber auch auf, welche Strukturen und Geflechte der Politische Islam in Deutschland und Europa heute wirksam dazu einsetzt, um inzwischen sogar im “Marsch durch die Institutionen” und durch engmaschige Communities Individuen zu kontrollieren, konditionieren und zu formatieren. Ähnlich wie in den letzten zwei Jahrzehnten in der Türkei. Betrachtet, welche Weichen die Politik fälschlicherweise gestellt hat, die wirkliche Integration nachhaltig verhindert haben. Und das leider immer wieder von neuem.
Welche Chance haben liberale Muslime und Verbände bislang wirklich in ihren Communities und in unserer Gesellschaft, – und ist es wünschenswert, daß die gegenwärtige Politik beim Thema Integration in neuralgischen Bereichen auf konservative Islamverbände vertraut?

Abdel-Samads Buch ist bis zur letzten Seite unerhört spannend. Weil ich auch meine eigenen Beobachtungen darin wiederfinden kann. Dabei überrascht mich nicht nur die Bandbreite seiner eingenommenen Perspektiven, sondern auch die Akribie, mit der er scheinbar Redundantes und Übergehörtes einer nüchternen Prüfung unterzieht.
Der Hartnäckigste unter den deutschen Islamkritikern absolviert eine bedrückende und durch zahlreiche Zitate aus Gesprächen mit Mitgliedern unterschiedlicher Millieus und Wirkungsgrade authentisch nachvollziehbare Bestandsaufnahme unseres gesellschaftlichen Status Quo.
Wissenschaftlich unterfüttert mit aktuellen Statistiken, Umfrageergebnissen und Gesprächen mit Experten aus dem Bereich Gesellschafts- und Religionswissenschaften, Recht und Politik. Er spricht natürlich mit den bekannten kritisch-liberalen Figuren wie Seyran Ates und Ahmad Mansour, aber auch mit Muslimen aus unterschiedlichen Communities und mit Flüchtlingen, deren Lebenssituationen in Unterkünften er besonders aufmerksam betrachtet.
Und er fängt mit seiner eigenen Integrationsgeschichte an, die vor 23 Jahren von Ägypten aus mit einem zunächst frustrierenden “MigrationsVordergrund” im frischgebackenen wiedervereinigten Deutschland begonnen hatte, und ihn über den Umweg eines Studiums in Japan zu einem selbstkritischen Individuum gemacht hat, – und das nicht ganz ohne Zutun einer liebevollen Seniorin aus seiner deutschen Nachbarschaft, die ihm wichtige Impulse der Anerkennung und der Zuwendung entgegengebracht hatte, – was ihn schließlich seinen aufgebauten Frust gegenüber dieser Gesellschaft aufgeben ließ. Zugunsten eines umso engagierteren Studiums und einer Karriere als Schriftsteller.

Abdel-Samad benennt, wo und warum es klemmt. Was gibt Integrationsforschung wirklich her, – was ist nur “gefühlte Wahrheit”, was Augenwischerei und Narkotikum für die Gesellschaft? Er beschreibt, weshalb Vieles von dem, was in den letzten Jahrzehnten im Zeichen der Integration unternommen wurde, diese sogar maßgeblich verhindert hat.
Dabei bekommen es Linke wie Rechte gleichermaßen ab.
Als Kernproblem sieht Abdel-Samad die Kontrolle durch religiös motivierte Communities, die kein Interesse daran hätten, dem Individuum ein freies, selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Er beschreibt, wie Angstpädagogik und Mißtrauen bereits bei Kindern gesät würden und sich überall in Europa ganze Stadtteile immer mehr der staatlichen Kontrolle entzögen. Und, welche kardinalen Fehler die Politik durch ihre Weichenstellung unternehme, etwa, wenn der bekenntnisorientierte Islamunterricht unter dem Deckmantel der Integration anstelle eines echten Diskurses ein Wertesystem vermittele, das mit freiem, humanistischem Leben und dem Grundgesetz nicht vereinbar sei.

Und obwohl bekannt ist, daß Abdel-Samad den Islam für nicht-reformierbar und auch viele damit verbundenen äußeren Zeichen für politisch hält und ablehnt, allem voran das Kopftuch, schaut er auch auf kleine Impulse, die in die richtige Richtung gehen. Muslimische Mädchen spielen in einer streng konservativ-islamisch kontrollierten Community Fußball. Bleiben dabei aber unter sich, müssen das Kopftuch tragen. In seinen Augen an sich kein Akt der Freiheit und der individuellen Selbstbestimmung. Dennoch beschreibt er in dem Szenario hoffnungsvoll, wie ein Mädchen selbstbewußt die Initiative ergreift, zusammen mit ihren Freundinnen auf diese Weise ein stückweit eine Jungs-Domäne zu erobern. Ein Beispiel, welche Pflänzchen sich doch immer wieder den Weg durch den Asphalt starrer Strukturen bahnen.

So wenig romantisch der Titel des Buchs auch ist, so sorgsam geht es dann aber mit den Menschen um, um die es sich dreht. Abdel-Samad betrachtet mit Fingerspitzengefühl immer wieder individuelle Lebenswirklichkeiten, nimmt komplexe Gegenperspektiven ein.
“Integration – Ein Protokoll des Scheiterns” ist schlicht keine Variante von Sarrazins Bestseller “Deutschland schafft sich ab”, argumentiert nicht genetisch und schon gar nicht rassistisch. Seine Glaubwürdigkeit macht es für mich umso bedrückender. Insbesondere im Umgang mit Flüchtlingen ist Abdel-Samad sorgfältig und pauschalisiert nie, – dennoch weiß er auch aus diesem Bereich Verstörendes zu berichten, das klarmacht, daß wir es selbstverständlich nicht mit einer homogenen Masse, sondern komplexen Menschen in mitgebrachten Strukturen zu tun haben, die teilweise Denkweisen im Gepäck haben, die bei allem Mitgefühl angesichts erfahrenen Leids im Heimatland und durch die oft lebensgefährliche Reise nach Europa nun umso genauer erörtert und letztlich auch eingeordnet werden müssen. Abdel-Samad beschreibt sehr spannend seine Gespräche mit einigen Flüchtlingen, zeigt, wie unterschiedlich die Kompatibilität zu unserer Gesellschaft ist. Skizziert Konflikte, bei denen das so wichtige Korrektiv erfreulicherweise Einzelne aus der Gruppe selbst sind. Das ist spannend, klingt so positiv und ist hoffnungsvoll. Mich hat dann aber auch eine Passage erschrocken, in der Abdel-Samad einen geflüchteten Familienvater zitiert, den er fragt, wie er wohl dazu stünde, wenn er herausfände, daß sein Sohn schwul sei. Er würde ihn “behandeln lassen”, – wenn er aber nicht “geheilt” werde, würde er ihm den Kopf vom Körper abtrennen.

Als Vision formuliert Abdel-Samad schließlich sowohl eine aus seiner Sicht wünschenswerte Utopie, in der durch einen offenen Diskurs die Eigenverantwortung und -entscheidung des Indiviuums, das sich aus der Kontrolle des religiösen Kollektivs befreien kann, dauerhaft gestärkt würde, als auch eine Dystopie, – eine Art Armageddon, das uns ereilen könnte, wenn wir als Mehrheitsgesellschaft unsere Hausaufgaben jetzt nicht machen.
Und er formuliert zum Schluß einen einfallsreichen Integrations-”Marshallplan”, der an die wichtigsten Akteure gerichtet ist und in der er beispielsweise die Linken an ihre wichtiges humanistisches Potenzial erinnert und sie ermahnt, Islamkritik sei keine Islamophobie. Und die AfD dazu auffordert, keinen Fremdenhaß und keine Hetze in ihren Reihen zu dulden. Für Staat und Gesellschaft sei eine offene, ehrliche Diskussion über unsere Werte, und wie sie in einer erweiterten, den heutigen Anforderungen gerecht werdenden Verfassung verankert werden können, unverzichtbar. Entscheidend seien auch das Schaffen eines neuen, gemeinsamen “Gründungsmythos” und ökonomische Perspektiven, der richtige Umgang mit der Digitalisierung, usw.
Zugegeben, – ich bin skeptisch, ob diese Appelle überhaupt aufmerksam genug gelesen und durchgedacht werden. Aber ich kenne kein aktuelles Buch, das eine so vernünftige Betrachtung mit wirklich engagierten Lösungsansätzen kombiniert.
Abdel-Samads Buch-”Tour” durch die Talk-Shows ist bereits in vollem Gange. Für mich sind seine im Buch gezogenen Schlüsse nachvollziehbar und die Szenarien gleichermaßen bedrohlich wie glaubhaft. Es bleibt zu hoffen, daß diese Anstrengungen nicht bloß Gegenpositions-Affekte auslösen, sondern, daß etwas vom Bewußtsein der Ursachen von Mißständen in den Köpfen zurückbleibt. Daß für das gute Zusammenleben unserer Kulturen unter dem Dach Deutschland Einiges mehr und anders werden muß als bislang, daß dazu nicht nur Polls und Klicks in Sozialen Netzwerken ausreichen und daß viele der im Buch entwickelten progressiven Ideen in der Gesellschaft auf fruchtbaren Boden fallen.

(Artikel: Jörg Buschka)

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