Buschka entdeckt Deutschland

Die fabelhafte Poesie des Augenblicks

Filed under: Allgemein — 14. März 2017 @ 13:16

Fritzi Haberlandt und Jens Thomas beleben in Mainz „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun

Gestern abend im Frankfurter Hof in Mainz. Jens Thomas begleitet sich am Piano mit zerbrechlich-aufwogender Stimme, während Fritzi Haberlandt im schnieken „Feh“-Pelzmantel die Bühne betritt und den eigentümlichen Gang der vielen Prostituierten am Alex und auf dem Ku’damm des Berlins des Jahres 1932 beschreibt.
Was schon im gefeierten Hörbuch gelang, funktioniert auch auf der Bühne großartig: Fritzi Haberlandt IST die kleine Doris, die aus der Provinz nach Berlin kommt und naiv von einem augenscheinlichen Scheitern ins nächste stolpert. Anders ist nur, daß sich diese Mischung aus Theater, Lesung und Musikperformance nicht an der Vorgeschichte samt Reise nach Berlin abarbeitet, sondern die Momente, die Irmgard Keuns Romanvorlage so besonders machen, noch stärker herausfiltert: hier werden Augenblicke durch die zärtlich-kreative Sprache und Haberlandts freches Spiel immer wieder so eigenwillig zum Strahlen gebracht, daß sie den Saal für 2 Stunden in gespanntes Staunen versetzen. Da ich bislang nur das Hörbuch kenne, brauche ich einen kleinen Augenblick, Thomas’ melancholisch-sphärischen Gesang, den ich zunächst hilflos irgendwo zwischen Poisel, Talk Talk, Muse und Mongolischen Kopfstimme-Sängern verorte, entdecken zu wollen. Dann geschieht etwas Erstaunliches: während Haberlandt als Figur Doris in glänzenden Passagen immer wieder zwischen Lesetisch (an dem sie sich wahlweise auch schminkt) und nackter Bühnenkante wechselt und eine eher tragische „Entwicklung“ von Kleinstadttheater-Skandälchen über das Stehlen ihres fortan geliebten „Fehs“ bis zur Prostitution in Berlin durchlebt, passen für mich plötzlich auch Musik und Gesang. Mehr noch: Thomas zupft zusätzlich Klaviersaiten und bringt sich überraschend auch mal als dialogsprechender Spielpartner ein. Schließlich singen Haberlandt und Thomas zwei schmetterlingsflügelzarte Balladen im Duett (von denen die zweite nochmal als Zugabe gegeben wird: „Dich will ich, Dich. Dich ohne mich. Ich tanze mein Leben…“). Das hat nichts bemüht-Schweighöferisches, denn Haberlandt singt wirklich glockenzart und wunderschön, – ganz passend zu Thomas’ einnehmender, zerbrechlich-gehauchter Stimme.
Haberlandt fegt tanzend die imaginäre Wohnung, kokettiert in einer Meta-Ebene mit dem Publikum. Einzig Doris’ kleinmädchenhafte Begeisterung für das bunte Berlin der 30er hätte ruhig noch eine Schippe mehr vertragen können. Andererseits erzählt diese Bühnenadaption bereits so viel und so gut. Doris stolpert bauernschlau und doch plump von einer Männergeschichte in die nächste. Sie tut mir trotzdem jedesmal neu leid, weil sie durch die unschönen Beschreibungen ihrer Liebespartner schon ankündigt, daß wieder alles in einer Katastrophe enden wird. Ihr Milchmädchen-Kalkül, mit dem sie die Männer berechnend auswählt, geht nie auf. Als sie sich dann schließlich wirklich mal verliebt, ist sie die Benutzte, ruft der Auserwählte im Schlaf den Namen einer Anderen…
Ihren Traum „Ich will ein Glanz werden“ erreicht Haberlandt als Doris nie, und eben doch immer wieder ein bißchen. Sie ist eine „Kippfigur“, die das Publikum trotz Scheiterns immer wieder in eine Fantasiewelt entführt. Das so häufig bemühte und ausgereizte Sujet des Goldenen Berlins ersteht an diesem Abend in Mainz tatsächlich wieder auf. Irmgard Keuns poetische Sprache wie z.B. „Träume küßten mich durcheinander“ überraschen und verzaubern durchgehend.
Haberlandt und Thomas schaffen eine ganz einzigartige Atmosphäre, – da ist es nicht schlimm, daß aus Doris’ Traum schließlich die Erkenntnis wird: „Ich bin ja immer das Mädchen vom Wartesaal“.

(Bericht: Jörg Buschka)

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