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“Die Suppe besiegt”: Jörg Immendorffs gesamtes grafisches Werk in Mainz

Filed under: Allgemein — 26. Juli 2007 @ 15:31

Es war meine erste Immendorff-Ausstellung, die ich gestern in Mainz besucht habe. In der Rheingoldhalle wird noch bis zum 26. August sein gesammeltes grafisches Werk ausgestellt. Die Linoldrucke, Radierungen, Lithografien, Fotografien, Stempeldrucke und Buch-Cover-Entwürfe des erst am 28. Mai diesen Jahres verstorbenen Malers, Ex-Maoisten und “Künstlers der Einheit” haben mich sehr beeindruckt. Nicht einfach zu lesen, vielleicht, weil Immendorffs sehr präsente und kontrastreich inszenierte Figuren -gesellschaftskritisch und politisch motiviert- Haltungen und Inhalte kommunizieren, die ein solides Grundwissen über die Sujets voraussetzen.

Immendorff, der seine Arbeiten nur ganz selten erklärt hat setzt sich dafür oft selbst in Szene, präsentiert Figuren der Zeitgeschichte wie Lenin, Hitler, Beuys oder aktuell Merkel und Stoiber. Der zuletzt auch als Gastprofessor in China tätige Künstler und ehemalige Beuys-Schüler und langjährige Kunsterzieher meißelt dabei fast ikonenhafte harte Begrenzungen, die im Gesamtbild wichtige Stützen zur Orientierung sind. Immer wieder tauchen Affen und als Bildgrundlage der Adler auf, auf dessen Körper sich wiederrum unterschiedliche symbolische Szenen abspielen. Neben berühmten Reihen wie seinem “Café Deutschland” bin ich den ausdrucksstarken Variationen frei nach William Hogarths “Rake´s Progress” begegnet, in denen sich Immendorff Mitte der Neunziger Jahre als damals Anfangvierziger in der tragischen Rolle des Tom Rakewell portraitiert. Teile dieser Rolle übertrugen sich offenbar auch auf sein Privatleben. Fast ein Jahrzehnt später titelte die deutsche Journaille zum ausschweifenden Partyleben des damals bereits todkranken Künstlers: “Die schlimmste Sex-Orgie des Jahres”, was das Augenmerk einige Wochen lang von seinen Leistungen als Maler ablenkte. Die Ausstellung des Schröder-Freunds, der seit Juli 2000 mit seiner über 30 Jahre jüngeren ehemaligen Studentin, der bildhübschen Oda Jaune verheiratet war (ihre gemeinsame Tochter ist in diesem Jahr 6 Jahre alt), bietet zum ersten Mal sein gesamtes grafisches Werk. Er war an der Präsentation bis zu seinem Tod maßgeblich beteiligt. Ich bin an vielen kleinen Grafiken “hängengeblieben” (unter denen sich auch ganz intime, liebevolle Gesten befinden -wie etwa das Bild zum 75. Geburtstag seiner Mutter), habe mich aber auch von großen Bildern wie “Heuler” beeindrucken lassen. Immendorff, der auch eine Ballett-Ausbildung hatte, ist der wohl am meisten selbstportraitierte zeitgenössische Künstler Deutschlands. Neben der überwiegend groben, oft skizzenhaft gesetzten Striche findet sich auch eine ganze Anzahl fein ausgearbeiteter Figuren und Objekte. Die Farbsprache reicht von kontrastreich/”knallig” bis weich nuanciert. Bedrückend wirkten auf mich die Fotoreihe “Gestatten, mein Name ist Geschichte.” und das am Ausgang zuletzt platzierte Bild aus dem Jahr 2005, das Immendorff eingezwängt grüßend in einer Krankenhaus-Urinflasche zeigt.
Innerhalb der Ausstellung gibt es zudem einen Raum mit ca. 40 Sitzplätzen, in dem man sich auf einem Bildschirm ein recht neues Interview mit dem Künstler anschauen kann. Darin berichtet er nicht nur von seinem Umgang mit der tödlich verlaufenden Nervenkrankheit ALS, sondern erzählt auch eine amüsante Anekdote aus seiner Kindheit: Am Tisch seiner Großeltern mußte er stets das essen, was im vorgesetzt wurde. Im Falle der von ihm mit Ekel verschmähten Senfsuppe mit Ei konzentrierte er sich so sehr auf das Erreichen der Grafiken am Tellerboden (auch dazu gibt es ein Bild in der Ausstellung!), daß der widerliche Geschmack ausgeblendet war. Die Suppe war “besiegt”!
Fazit: Hingehen und sich drauf einlassen! Je nach Allgemein- und Geschichtswissen kann man nicht alles verstehen. Aber die Bilder erschließen sich und wirken auf unterschiedlichen Ebenen. Und die kurzen und prägnanten Begleittexte bieten eine gute Orientierung von den Hintergründen bis hin zu den reinen Techniken. Es wird in Zukunft wohl kaum eine vergleichbare Möglichkeit geben, eine so umfangreiche Werkschau Immendorffs sehen zu können.

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