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“Die Zwanziger waren nicht golden!” – Tom Tykwer auf dem Fernsehkrimifestival 2018

Filed under: Allgemein — 10. März 2018 @ 11:20

Samstagabend der 9. März 2018. Hollywood zu Gast in Wiesbaden. Obwohl zwei Stunden später die große Preisverleihungs-Gala des Wiesbadener Fernsehkrimifestivals gute fünfzehn Gehminuten entfernt im Caligari Kino zelebriert werden würde, fand mein persönliches Highlight des diesjährigen Wiesbadener Fernsehkrimifestivals im schnieken weißen Vortragssaal des Landesmuseums statt: Im Gespräch mit Urs Spörri stellt Tom Tykwer zusammen mit dem Autor der Romanvorlage Volker Kutscher die inzwischen in 60 Länder verkaufte TV-Krimi-Serie “Berlin Babylon” vor, die in den ausgehenden 1920er spielt und für die er als einer von drei Regisseuren verantwortlich zeichnet.

Die erste Staffel läuft in Deutschland momentan exklusiv auf SKY und ist im Herbst in der ARD zu sehen. Lässig berichtet der 53jährige, dessen filmischer Durchbruch mit “Lola rennt” zwanzig Jahre zurückliegt, welch “schlaraffige” Chancen sich Filmemachern inzwischen böten, seit das horizontale Erzählen in Serienform hoffähig geworden ist. Er selbst habe sich als Zuschauer lange gegen das “Binge-Watching” gesträubt, sei dann aber gen 2005 eingeknickt. Den Machern dieser durchaus noch neuen Erzählform weiß er allerdings im gleichen Atemzug Düsteres zu bescheinigen: Das Privatleben sei ruiniert, man schenke einer erfolgreichen Serie als Verantwortlicher dann auch schon mal 9 Jahre seines Lebens, in denen man quasi auch nur in dieser Parallelwelt lebe. Das hat er offenbar nicht vor, terminiert seine Drehzeit für die Serie momentan in Abstände von zwei Jahren.

Auf dem Gelände der Babelsberger Filmstudios entstand dazu (zusätzlich zu den dort permanent verfügbaren alten Straßenzügen) das größte Filmset Europas, – Kulissen für 8,5 Mio. Euro (Die Begeisterung der Kulissenbauer, auch die vielen Ende der 1920er Jahren im Straßenbild präsenten Baustellen nachzubauen, hielt sich lt. Tykwer aber in Grenzen). Auf den Drehtag heruntergerechnet sei das Budget vergleichsweise überschaubar gewesen, – lediglich in etwa das Doppelte eines “Tatort”. Das sieht man der Serie nicht an. Es werden Ausschnitte präsentiert, die zeigen, wie Tykwer es schafft, den Stoff rund um Kutschers Romanfigur, den Kommissar Gereon Rath, an die Protagonisten zu binden, um die Zuschauer so unprätentiös und -was Tykwer wichtig ist- keinesfalls im sichtbaren, spürbaren Wissen um die herannahende NS-Zeit in die Sujets mitzunehmen. Das bescheidene Heim einfacher Menschen, die elegant aufblitzende Mode der damaligen Zeit, besonders deutlich durch eine Protagonistin, die den typischen CharlestonHut trägt und die Zuschauer mitnimmt auf eine Straßenbahnfahrt durch eine Stadt und durch Straßenzüge, die es nicht mehr gibt. Dazu scheint sich in Kutscher und Tykwer, der betont, reines “Ver”filmen eines Stoffes anstelle einer wirklich eigenen, emanzipierten Interpretation sei langweilig, durchaus ein DreamTeam gefunden zu haben: Was das Buch dem Film an beschreibender Detailtreue z.B. von Straßenzügen und Innenräumen potenziell voraus hat, holt sich der Regisseur/Drehbuchautor an anderer Stelle wieder, nämlich, indem er in Personalunion als Ko-Produzent nach schlauer Sicherung der Optionsrechte auch schon mal Verworfenes und nicht in den Roman Geflossenes als Hausaufgabe mitnimmt und teils in das Drehbuch einbaut. Alles das sei auch akzeptiert und legitim, solange man im Denkraum der Buchvorlage bleibe, berichtet Tykwer.

Romanautor Kutscher, der aktuell übrigens ein “Krimistipendium” in Wiesbaden genießt, spricht von seiner Faszination der 1920er Jahre. Davon, daß die Menschen damals eben nicht gewußt hätten, in welcher Zeit sie sich befanden und welche gesellschaftlichen Umwälzungen ihnen noch bevorgestanden hätten. Und von der Schwierigkeit, sich angesichts der vielen Ereignisse des Jahres 1929, in dem die Geschichte beginnt, von Dingen zu verabschieden, die nicht alle abgebildet werden können, nicht mal als Randnotiz. Seine Bücher, die Krimis sind, greifen Vieles auf, was gemeinhin weniger bekannt ist. Den “Blutmai 1929″ zum Beispiel. Die Spaltung innerhalb der linken Gruppen, allein zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten. Kutscher und Tykwer berichten beide, daß die NS-Zeit in ihrer schulischen Lehre einen Großteil des Geschichtsunterrichts beansprucht habe, aber eben leider, ohne daß die Lebenswirklichkeiten und Entwicklungen davor, besonders die der ausgehenden Weimarer Republik, ausreichend behandelt worden seien.

Neben der Krimihandlung und den vielen SubPlots rund um die Figuren erzähle der Film auch die Hauptthemen dieser Zeit des Jahres 1929: das Proletariat einerseits und den erst elf Jahre zurückliegenden Krieg andererseits in den Köpfen der Menschen, der so weiterhin präsent und auf den Straßen durch die vielen Kriegsversehrten sichtbar war. Die Zwanziger seien vor allem für die Mehrheit der Menschen angesichts der Armut und der Wirtschaftskrise ganz sicher nicht “golden” gewesen.

Tykwer bemängelt, daß es kaum Filme gebe, die diese Zeit spürbar machten. Das sei natürlich insbesondere der Schwierigkeit geschuldet, daß das alte Berlin im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde und als Kulisse größtenteils nicht mehr verfügbar sei. Durch die Möglichkeiten der CGI nun aber endlich darstellbar. Die Serie werde nun bereits von Schulen herangezogen, quasi als Bewegter Geschichtsunterricht von den 20ern zu erzählen, – das sei allerdings eine Verantwortung, der er nicht uneingeschränkt gerecht werden könne. Die Serie schaffe zwar tatsächlich viel Außergewöhnliches, allein schon durch den fantastischen Soundtrack, mündend in eine hypnotisierende Bühnenperformance der Sängerin Nikoros (Severija Janušauskaitė) im beliebten “Moka Efti”, für den ein eigener Sound erfunden/”behauptet” wurde, eine Musik die lt. Tykwer “damals schon was von der Moderne wußte”. – Aber für ihn sei die Plausibilität der Handlungen letztendlich wichtiger als die Authentizität. Dennoch sei -ganz abgesehen von den aufwändigen realen und digital gebauten Kulissen und Details- schon sehr genau gearbeitet worden. Manche Marginalien hätten dabei unerwartet viel Geld verschlungen. Beispielsweise allein die Notwendigkeit, vielen tausenden KomparsInnen künstliche Achsel- und (ein-)sichtbare Schambehaarung zu verpassen, habe gut 14.000 Euro gekostet.

Und so werden die Zuschauer hineingezogen in eine faszinierende Serien-Filmwelt, die einerseits gut recherchiert und an realen Eckpfeilern und Geschichte orientiert ist, gleichzeitig aber auch Orte und natürlich die gesamte Krimihandlung erfindet, – eben einen eigenen Kosmos schafft, der dann auch gleich in 16 Drehbüchern auf einen Schlag mündete, die Tykwer Kutscher liebevoll zum Korrekturlesen auf den Tisch knallte. Und das ist nicht das Ende. Es geht kontinuierlich weiter. Eben mit der Einschränkung, daß organisatorisch aktuell nur alle zwei Jahre gedreht werden könne (dieses Jahr wird weitergedreht). Das stelle ihn auch vor Schwierigkeiten, sagt Tykwer. Junge Protagonisten, die in der Serienwelt nur einige Monate “gealtert” sind, sähen real plötzlich zwei Jahre älter aus. Man müsse also wahrscheinlich diverse “extreme Pubertätsschübe” behaupten, scherzt er. Bleibt ihm zu hoffen, daß er es bei dem Pensum an Filmstoff weiterhin schafft, als einer der drei verantwortlichen Regisseure genügend private Zeit zu finden.
Aber auch, wenn in der Serie die nahende NS-Zeit nicht wie üblich dauerpräsent ist, berichtet Tom Tykwer auf dem Wiesbadener Podium, daß die letzte Folge dann doch den harten Umbruch von 1933 zeigen werde, und spätestens dann wird auch der “Führer” als Figur zumindest einen kurzen Auftritt haben. “Oh, je, – wer spielt den denn bloß…?” fragt sich Tykwer an diesem Abend in Wiesbaden. Wie schön, daß dieser unser leider immer noch größter deutscher “Popstar” sowohl in der Serie als auch bei dieser launigen Gesprächsrunde ansonsten keine Rolle spielt.

(Bericht: Jörg Buschka)

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