Buschka entdeckt Deutschland

Flamenco Nuevo – Paco de Lucía live bei “Friday Night in J´berg”

Filed under: Allgemein — 1. Juli 2012 @ 13:26

Auf die Uhr geguckt: es ist wieder Sommer im Rheingau! Zeit für das Rheingau Musik Festival und seine exklusiven Locations wie das über Weinbergen thronende Schloß Johannisberg. Am Freitag machte ich dort bei Bilderbuchwetter zum ersten Mal Bekanntschaft mit den Mannen rund um den weltweit gefeierten Gitarrengott Paco de Lucía, der schon 1965 17jährig seine erste Soloplatte aufgenommen hat. Ihr Auftrag: den lauen Open-Air-Sommerabend mit reichlich frischem Flamenco aufzumischen, – Flamenco Nuevo!

Die Bühne schnuckelig mit Palmen ausgestattet, nahm der Altmeister zunächst allein auf einem der edlen roten Barockstühle Platz und verzauberte mit seinem extrem behenden, souverän-routinierten Fingerspiel und impulsivem “Flamenco-Klopfen” auf seiner Akustikgitarre.
Die Band kam dazu: der sich durch sein präzises und dabei trotzdem unglaublich leicht wirkendes Spiel ebenfalls als Gitarrengott offenbarende, gefühlt blutjunge, Antonio Sanchez, der besonders durch seine Harmonica-Soli zu Beifallswellen nötigende Antonio Serrano (außerdem Keyboards), Alain Perez am Bass, Piranha am Schlagzeug, sowie die drei Sänger Duquende, David de Jacoba, und Farruco, der sich nach den ersten Stücken überraschend von seinem Kuschelstuhl erhob und wie ein von Höllenhunden oder Bataillonen Gejagter mit wuchtigem Absatzschlag und exzentrischen Ruder-Bewegungen samt blitzschneller, sich überschlagender Dreheinlagen außerordentlich leidenschaftlich und gekonnt um sein Leben zu tanzen schien. Ein tolles Zusammenspiel!

Ich brauchte eine ganze Weile, um mich auf die Musik einzulassen. Und während glühende de-Lucía-Anhänger um mich herum bei aller Klasse und Emotion der Darbietungen den einen oder anderen traditionellen, “Authentischen Flamenco” als Wunsch artikulierten, fühlte ich mich bei einzelnen Keyboard-Einlagen ein wenig an James Last erinnert.
Doch der Genuß stellte sich unausweichlich ein! Die für mich anfangs noch recht gleichartig melancholisch wirkenden Stücke zeigten mir nach und nach ihre Bandbreite und Facetten auf; erst gesellte sich nur das elementare, kraftvolle Dramatische Moment dazu, dann kamen auch verspielte, fröhliche Akzente und zuletzt pure, fühlbare Lebenslust dazu! Besonders das wunderbare Zusammenspiel von Akustikgitarre und Harmonica waren ein besonderes Hörerlebnis!
Doch damit nicht genug: ich wurde Zeuge eines ganz außergewöhnlichen Gesangstils, der mich an den portugiesischen Fado erinnerte:
Die drei Sänger stimmten einen herb-rauchigen, klagenden Gesang an, der sich -so in kraftvollen, sehr emotionalen Soli dargebracht-, umso eindrucksvoller präsentierte. Verstärkt durch wuchtige Gestik, zu denen sie auch mal aufstanden, sich weinend, schreiend nach vorn beugten, das Gesicht wie im Krampf verzerrt, um eine Innere Ohnmacht des Moments durch kindliches Vornüberwerfen der Arme und Fäusteballen noch umso lauter zum Ausdruck zu bringen. All das für die passende tonale Performance! Die attraktive, spanische Mitvierzigerin in der Reihe vor mir genoß dieses Spektakel sichtlich mit zustimmendem Lachen und begeistertem Klatschen. Und Spanierinnen, denke ich mir, kennen “das” mit den “heulenden Männern” sicher aus der Tradition.
Auch diese Darbietung, die mich optisch zunächst an persische Klageweiber erinnerte, erschloß sich mir nach kurzer Zeit als genau zum Arrangement passendes Puzzleteil, – als Element, ohne das das Gesamt-Klangbild wohl nicht seinen authentischen Ausdruck finden würde. Erst verstörend, dann mutig, schließlich passend, wie, als könne man sowas überhaupt gar nicht anders vortragen. Das gehört so.

Die Band konnte über die gut zwei Stunden Spielzeit alle denkbaren Qualitäten ausspielen, von durch traditionelle gemeinsame “Hey”- (oder “Hossa!”?? -) Rufe angefeuerter “Gruppenarbeit” über die Erweiterung durch die beeindruckenden Tanzeinlagen bis zu Soli der Spitzenklasse, – dabei neben den beiden brillierenden Gitarristen eben auch ausdrücklich Serranos überragende Harmonica-Einlagen zu nennen.
In Gesprächen nach dem Konzert monierten lediglich zwei treue Fans, der Solo-Auftakt des Meisters sei “vom Anschlag her nicht ganz fehlerfrei gelaufen”. Nix von gemerkt.

Und während ich auch keine Stücke des Abends namentlich auszumachen in der Lage gewesen wäre, -auch, weil ich mich bewußt unvorbereitet auf unbekanntes Terrain begeben hatte-, kam mir die grandiose Zugabe dann doch bekannt vor: der gefeierte Klassiker “Entre dos Aguas”.
Ein Abend von wirklicher Weltklasse. Danke, Paco! :)

Bericht: Jörg Buschka

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