Buschka entdeckt Deutschland

“Ohne Beethoven gäbes kein’n Justin Bieber!” – Helge Schneider live in der Alten Oper in Frankfurt

Filed under: Allgemein — 19. Februar 2018 @ 14:00

Die Seismographen schreiben Sonntag, den 18. Februar 2018. Der Meister präsentiert sein neues Programm “Ene Mene Mopel” in Frankfurt. Der trotz Lebenserfahrung noch immer sehr jugendlich wirkende Mann, der nur in wenigen Momenten inzwischen äußerlich an den jungen älteren Götz George erinnert, verzaubert das ausverkaufte Haus, – verstärkt von Peter Thoms am Schlagzeug und Rudi Olbrich am Kontrabaß. Letzterer erfährt zwischendurch immer und immer wieder dedizierte verbale “Hinweise”/Demütigungen, die in Richtung Pflegeheim abzielen, kann dies aber durch seine gefestigte, sympathische Präsenz durch die Bank parieren, weglächeln und durch eigene Anekdoten vergessen machen. Diese Spannung ist nur eine der Ingredienzien, die ein perfekter Abend mit Helge Schneider braucht!

“Wurstfachverkäuferin” in einer schmissigen Extended Version als Starter, dann ein durchweg neu scheinendes Arrangement von “Texas”, gefolgt von “Ich drück die Maus” mit den für Connoisseure schon liebgewonnenen Tanz- und Scratch-Elementen.

Helge berichtet zwischendurch von seinen Erlebnissen auf der Autobahn, im Vorbeifahren für Jürgen Drews gehalten zu werden. Und von einem Dizzy-Gillespie-Konzert in Berlin, an dessen Rande sich eine spannende Begegnung mit Duke Ellington beim Sightseeing im Bus ereignete.

Die Musikmöbel -zunächst das Xylophon- werden dabei während des Spielens auch mal umwandert oder wie zum Ende der Vorstellung, bei der Mondscheinsonate, -der Flügel- liegend gespielt.
Schon sehr früh führt Herr Schneider als mehrfach wiederkehrenden Schockmoment das bedrohliche Aufsetzen einer Phantom-der-Oper-Maske ein, nur gehalten vom Brillengestell. Um nicht zu sehr zu verstören, wird im weiteren Verlauf als geschickter Kontrast ein kleiner “Mr.Fart”-Furzblasebalg präsentiert.

Und es ist auch ein tiefgründiger Abend: Z.B. mit Feststellungen wie “Ohne Beethoven gäbes heute keinen Justin Bieber!” und der Betrachtung “Wir und die Erde. Seit Jahrmillionen leben wir auf ihr und warten… …auf was eigentlich?”.

Nach einer Panflötenversion von “As time goes by” wird klar, daß Schneider bereit ist, mit “Es gibt Reis, Baby” noch einen Schritt weiter im imaginären Bizarr-Pandemonium zu gehen. Schien mit der bekannten Beschreibung der Entfernung von Erbrochenem nach dem heimischen Date-Abendessen schon der Höhepunkt des Guten Geschmacks erreicht, fügt Helge an diesem Abend für das Stück hinzu, den Flokati ob der langen, rundgewachsenen Fußnägel der Besucherin vorsorglich kurzgeschnitten zu haben. Äh ja. Man kann an diesem Abend im edlen Opernsaal das Millieu des Komm-in-echt-isses-doch-bei-Euch-genau-SO nicht nur riechen, man wird von ihm wohlig umarmt und im Nu selbst Teil davon.

Zu dem orientalischen Cello-Stück “Sheik Of Araby” rüstet Helge schon mal auf die Steppschuhe um, mit einer Flamenco-Nummer in überzeugendem fake Spanisch geht es weiter, – nur seine eklektisch-überraschend ausgestoßenen Schreie unterbrechen zwischendurch die aufwändig geschaffene Illusion wie ein warmer Sommerregen mitten im Winter. Wunderbar dabei Helges Zauberkunst, die Gitarre mit einer Hand wie magnetisiert durch die Luft schweben zu lassen!

Es folgt eine weitere Millieustudie, diesmal beschreibend über Oppas, die mit modernster Drohnentechnik die heiße Nachbarin beobachten.

Einem ihm offenbar bekannten Fanclubmitglied aus dem Ruhrgebiet in der ersten Reihe gibt Helge kurz Raum und Ehre, sich sogar vom Verfolgerspot beleuchtet stehend dem großen Auditorium zu zeigen, – um ihn im selben Atemzug auch schon mit seiner kräftigen Statur aufzuziehen: “Sach ma, – ißt Du viel??”.

Fies geht es weiter mit einem musikalischen Hörspiel aus dem “Chinarestaurant Mykonos”, das von einem Paar mit Dominanz-Gefälle besucht wird. Angesichts “Me too” und Feminismus-Debatten hier fein ausgearbeitet die Rollenbeschreibung: während der Mann Pommes RotWeiß und ein Bier bestellt, wird seine Frau darauf vertröstet, “vielleicht was” von seinem Teller abzubekommen. Danach läuft ihnen noch ein eigentlich zum Verzehr “gedachter” Hund zu, dessen Kacke die Frau nach Anweisung ihres Kerls gefälligst in eine Plastiktüte einzusammeln habe. Bei soviel Klarheit kommt gar nicht erst der Geschlechterkampf auf, sind die Fronten nach Helge-Art höchst achtsam definiert.

Beim Stück “Ich geh einsam durch die Straßen” wird auch dem abgebrühtesten Zuhörer klar, daß es nicht nur Rosen regnen kann: wieder mal beschreibt Helge, wie nur er es kann, wie der Gehörnte dem verbotenen Fenster-Schattenspiel seiner Herzdame mit einem Anderen von draußen zusehen muß.
- um später wieder zum vom Schmerz reinigenden Lachen zu motivieren: dem Publikum den Rücken zugekehrt, spielt er die angebliche “Komposition für den 11. Finger” auf dem Flügel an.

Als Zugaben mit Helge am Saxophon das romantische “My one and only love” und eine politisch aufrüttelnde Version von “Katzeklo”, deren Message leider zu wenig vom Frankfurter Publikum erkannt wurde: als Sujet hält die Wohnung einer “Omma” her, deren Rente nur 179 Euro beträgt, – während die Miete 1009 Euro verschlingt. Was Merkel und Schulz viel zu wenig thematisiert haben, haut stattdessen Helge raus, – Chapeau!
Die Katze dankt der Omma sämtliche Verhätschelungen übrigens nicht, sondern kratzt sie ins Gesicht, woraufhin sie stürzt und sich damit als “Klassiker” einen Oberschenkelhalsbruch zuzieht, um kurz danach im Krankenhaus an Lungenentzündung zu sterben.
Welchen besseren, mit der Welt denkbarst versöhnenden Impuls kann es nach einem so gelungenen Abend geben, mit dem mich Herr Schneider in Höchstform wieder in mein kleines, großes Leben entläßt!? Danke, Helge!

(Bericht: Jörg Buschka)

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