Buschka entdeckt Deutschland

Sentimentale Männer, zwei kurze Regen- und ein einziger angenehmer RegeNER-Schauer: ELEMENT OF CRIME im Mainzer KUZ auf ihrer Tour “Immer da, wo Du bist, bin ich nie.”

Filed under: Allgemein — 26. August 2011 @ 16:27

Als ich zwanzig war und in einer WG in Kassel wohnte, machte ich mit Freunden und Mitbewohnern Männer-Nachtwanderungen auf stillgelegten Gleisen, spürte die erste Schwere der Existenz, sinnierte in mondscheingefluteten Parks über große Visionen und bahnbrechende Möglichkeiten meiner persönlichen Entfaltung. Zu dieser Zeit, zwischen´91 und ´93, machte mich mein Zimmernachbar mit der Musik von ELEMENT OF CRIME bekannt. Die Stücke von “Weißes Papier” paßten eigentlich perfekt zu alldem (obwohl Kassel eben nicht Berlin ist), berührten mich mit ihrer sentimentalen Kraft und wohligen Aussichtslosigkeit der Daseinsbetrachtung aber noch nicht, weil ich die nölende Stimme von Sven Regener nicht auf Anhieb in meinem kleinen musikalischen Kosmos unterbringen konnte.

Erst Mitte der 90er fand ich auf einem Karstadt-Wühltisch eine Maxi-CD von ELEMENT OF CRIMEs “An einem Sonntag im April” und dem traurig-schönen “Weil Du nicht da bist”, und nahm sie mit. “Independent” bedeutete also, als Band mit damals bereits sieben Alben auf dem Markt trotzdem auch mal (wohlgemerkt mit einer Maxi) aufm Wühler zu liegen, während LUCILECTRIC und DR.ALBAN Kasse machten. Mein Herz erreichten sie nun jedenfalls, -aber es sollte noch siebzehn Jahre dauern, bis ich sie endlich live sehen würde.

Gestern Abend war es soweit: Nach fünf starken Stücken der Frankfurter Liedermacherin Maike Rosa Vogel (die mich äußerlich ein wenig an die geschätzte Katharina Saalfrank erinnert) betraten Jakob Friderichs an der Gitarre, David Young am Bass, Richard Pappik am Schlagzeug, Christian Komorowski an der Violine, und Gitarrist, Trompeter und vor allem Sänger Sven Regener die Bühne, und spielten vor ausverkauftem Haus ein Open Air-Konzert im Hof des Mainzer Kuz. Es gab ein wirklich großartiges 1 1/2stündiges Set, das dank dreier Zugaben zweistündig wurde.

Um Regeners spätere Ansage, alle Stücke von ELEMENT OF CRIME drehten sich im Grunde um den ÖPNV, vorab zu bestätigen, brillierte als einer der ersten Songs vor allem “Straßenbahn des Todes”.
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Neben Stücken vom neuen Album wie dem amtlichen Schunkler und zutiefst Text-und-Arrangement-dissonanten “Kaffee und Karin”, den Songs “Deborah Müller”, “Euro und Markstück” und “Am Ende denk’ ich immer nur an Dich”, und Straßenfegern wie “Delmenhorst” und der Ballade “Weißes Papier” präsentierte die musikalisch bestechende Kapelle in einer Mischung aus Rock und tränenschwangerem Liedgut auch englische Stücke, u.a. das grandiose Bob-Dylan-Cover “It´s all over now, baby blue”.

Die Legende sagt, ELEMENT OF CRIME habe das englische Texten als Grundlage ihrer Alben mehr oder weniger endgültig an den Nagel gehängt, nachdem sie wegen derselben 1992 als Vorgruppe von HERBERT GRÖNEMEYER von entwaffnend sympathischen, aber bestimmten Deutschrockpuristen ausgebuht worden waren. Ihr erstes deutschsprachiges Album “Damals hinterm Mond” war aber bereits ein Jahr vorher erschienen.
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Seit Herr Regener mit “Herr Lehmann” als Autor die Kinosäle begeisterte, ist ELEMENT OF CRIME endgültig aus der Nestwärme der Independent-Szene herausgewachsen. Dennoch bleibt er nach eigenen Angaben in erster Linie Sänger und Songtexter. Was´n Typ!

Im März dieses Jahres ist sein Buch “Meine Jahre mit Hamburg-Heiner Logbücher” erschienen, das der Nachwelt seine Arbeit als Blogger in gebundener Form überliefert. Auch mein kurzes Treffen mit ihm zur Frankfurter Buchmesse 2008 ist darin -quasi “verschlüsselt”- wiedergegeben: er berichtet in einem Blog einmal über die Dinge, die er nach einem Buchmesse-Tag in seinen Jackentaschen findet, -darunter auch meine “Buschka entdeckt Deutschland”-Visitenkarte. Leider erwähnt er sie nur als “Visitenkarte von Deutschlands erstem StandUp-Reportage-Format”. Ich finde, das macht jetzt aber Jans und mein Format-Baby ENDGÜLTIG “independent” !

Waren Regeners Zwischenansagen gestern Abend auch knapp gesät, erlebte ich das Konzert musikalisch als ein einziges Geschenk. Flankiert, unterhoben und verfeinert von Regeners Trompetensoli und satten Gitarren, schwelgte, schunkelte und sang das sonst eher schwer zu begeisternde Mainzer Publikum zu den mal romantischen, mal tragischen Trinkliedern und post-punken Minneliedern. Finalste und trostloseste Melancholie oder auch auf den ersten Blick hoffnungsvolle Stimmungen wie aus einer Zwischenwelt, die dann doch im nächsten Moment wieder zerbrechlich in Schluchten der eigenen Hilflosigkeit zu stürzen drohten. Wohlfeil-schwärmerische und warmherzige Texte wie “Bei mir geht überhaupt nichts mehr, weil sich alles um dich dreht, seit der Himmel jeden Morgen deine Augenfarbe trägt.” Gänsehaut, schmachten, träumen, kunstvoll resignieren… …und trotzdem rocken!! Danke Musikindustrie, Massenmarkt, danke Karstadt!!

Bericht: Jörg Buschka
Fotos: Ingo Pertramer (freundlicherweise vom Management zur Verfügung gestellt; nicht beim Gig in Mainz entstanden)

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