Buschka entdeckt Deutschland

Spiegelbild in Plastik: KÖRPERWELTEN 2015

Filed under: Allgemein — 1. August 2015 @ 12:47

Gestern war ich mit einer Freundin in Mainz auf der KÖRPERWELTEN-Ausstellung. Ich habe zwar auch Fotos gemacht und simpel mit dem Smartphone ein Interview “gedreht”, aber so ganz ohne Kameramann ist das dann doch nichts, was ich hier unseren Stammzuschauern qualitativ zumuten möchte.

Nach der ersten Ausstellung dieser Art und KÖRPERWELTEN DER TIERE vor einigen Jahren war es für mich bereits der dritte Besuch in von Hagens’ umstrittenem wie spannendem Anatomie-Kabinett.

Magazinartikel jeglicher Art hatten in der Vergangenheit mit Berichten über nächtliche PR-Fotoshootings mit den “Gestalt-Plastinaten”, Zweifeln am ethisch sauberen Bezug der Leichen oder dem Fokus auf manch theatralische Posen der Exponate vor allem eins erreicht: Aufmerksamkeit, die reichlich Zuschauer in die Ausstellungen spülte.

Inzwischen hat sich von Hagens selbst aus Krankheitsgründen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, seine Frau Angelina Whalley führt nun die Geschäfte.
Schon in der ersten Presse-DVD war sie es, die mir als Off-Sprecherin und Dramaturgin der filmischen Aufbereitung des Ganzen aufgefallen war. Sie schafft es in einer gewinnenden Art, eine echte Begeisterung für das Wunderwerk Mensch als den wahren Motor aller von Hagens’schen Aktionen rund um KÖRPERWELTEN zu vermitteln.
Indes: ein ungeklärter Beigeschmack bleibt für mich bestehen.

In der aktuellen Ausstellung tritt Whalley die Flucht nach vorn an, läßt auf der Pressekonferenz einen Philosophen über die Begrifflichkeit der Würde des Menschen referieren; sein diesbezügliches Buch ist dann auch das erste, was mir im Kassenbereich im alten Mainzer Postlager ins Auge fällt.
Die Ausstellung wirkt auf mich unter von Hagens’schen Gesichtspunkten auffallend zurückhaltend.
Beispielsweise fehlt diesmal das besonders bildstarke und auf mich gleichermaßen verstörend wirkende Exponat, das seine eigene Haut wie einen Mantel abzieht und herzeigt.
Ich stoße mich lediglich an Accessoires wie einer Sonnenbrille oder einem Feuerwehrhelm, die einzelnen “Gestalt-Plastinaten” aufgesetzt wurden. Ich nehme den Veranstaltern ab, die Posen seien jeweils besonders geeignet, bestimmte Körperpartien hervorzuheben oder optimal zu präsentieren.
Auch der Geschlechtsakt, der in der Vergangenheit schon mal in Goldfolie verhüllt und nur in einem ab 18 zugänglichen Raum als Foto präsentiert werden durfte, wirkt auf mich nicht unästhetisch oder plump sensationslüstern. Auch nicht ethisch verwerflich.

Ich schaue mir die “anonymisierten” “Gestalt-Plastinate”, die von winzigen Körperteilen wie dem Steigbügelknochen des Innenohrs über eine Querschnitt-Scheibe eines Adipösen bis zur ganzen “Menschen”gruppe in Bewegungsposen reichen, vor allem deshalb an, weil sie mich tatsächlich mir selbst näherbringen. Es fühlt sich merkwürdig an, aber sie sind trotz der irritierenden, ent-individualisierten Mimiken und anderer Arrangements Abbilder meines Fleisch-Seins. Dieses ganze Gefriemel, diese winzigen Nieren, diesen Hammerklotz von einer Leber, diese filigrane Lunge sind eben so auch in mir verbaut und tun schon fast ein halbes Jahrhundert ihren Dienst… Genau das macht den unbestreitbaren Reiz der KÖRPERWELTEN aus: hier ist alles echt. Bei einem Modell kann sich der Modelleur gern auch mal in Größe und Form vertan haben, – hier nicht!

Das dieser Ausstellung übergeordnete Thema ist das Herz. Ihm begegne ich in unterschiedlichster Form, allen voran dem Herzschlag-Ton, der in sämtlichen Räumen zu hören ist.
Neben dem Betrachten von Herz-Plastinaten, 3-D-Animationen von zum Herzinfarkt führenden Plaques, Aorten unterschiedlicher Gesundheits-Grade und einem künstlichen Herz kann ich mir auch vor Ort selbst den Blutdruck messen. Zusätzlich gibt es in allen Räumen großflächig Texte allerlei weiser Berühmtheiten zu lesen, die das Herz irrational behandeln und so geschickt eine Meta-Ebene eröffnen, die jedoch in der Wahrnehmung bisweilen Mühe hat, gegen all die ausgestellten “Tatsachen” zu bestehen.
Meine beeindruckendste Herz-Begegnung hatte ich übrigens schon vor dieser Ausstellung: ganz schlicht… …beim Ultraschall. Wer sein eigenes Herz einmal im Ultraschall gesehen hat, weiß einfach, was die Story ist. Guten Abend. Bäm!

Darüberhinaus gibt es auch alte Bekannte zu sehen wie das Exponat, das dem Besucher seine eigene aufgeschnittene Galle entgegenstreckt, in der lustig erbsengroße Gallensteine prangen.
Selbstredend der hoffentlich heilende Effekt schwarzer, nikotingetränkter Lungen und -tumore auf den vielleicht noch zweifelnden Raucher.

Gut: in einem eigenen Raum werden Fotografien eines Paares ausgestellt, die Familien auf unterschiedlichen Kontinenten in launigen Stilleben zeigen, in denen sie die Lebensmittel um sich scharen, die sie in einer Woche verbrauchen. Daneben eine Angabe des Geldbetrags, den sie kosten. Ich weiß es nicht mehr genau, aber die indische Familie gibt m.E. 27, die australische 230 Euro pro Woche aus.

Zwischen meiner charmanten Begleiterin Micky und mir teilt sich hinsichtlich der Art der Präsentation der “Gestalt-Plastinate” zwar noch ein wenig das Rote Meer, einig sind wir uns aber ob der Einzigartigkeit des Erlebnisses und der Möglichkeit, sein Innerstes hier so authentisch vor sich ausgebreitet zu bekommen.

Bericht: Jörg Buschka

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