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Ulrich Tukur als Schriftsteller

Filed under: Allgemein — 9. November 2013 @ 15:17

Er ist einer, der sich selbst nicht zu wichtig nimmt. Bei Dreharbeiten im Juli für den neuesten TATORT war Ulrich Tukur beispielsweise gerade noch in der Rolle des Kommissar Murot, der vor dem Wiesbadener Kurhaus in einer Meta-Szene mit düsterer Miene über mehrere Erschossene hinwegsteigt, um sofort in der Sekunde nach dem „Danke!“ des Regisseurs einer Zuschauerin am Set plötzlich verschmitzt zuzulächeln und den Ernst des Drehbuchs und seiner Figur selbst zu persiflieren. Auf Fotos, Plakaten, in TV-Portraits und bei Veranstaltungen wird er immer im feinsten Zwirn präsentiert, setzen PR-Menschen alles daran, ein Tukur-Gesamtbild zu schaffen und den Status des in den höchsten Rängen der Kultur angekommenen Ausnahmekünstlers stets mit Neuem zu untermauern, durch die Attribute Tiefe und Beständigkeit zu bestätigen. Er selbst kommt dann aber gern locker-lausbübisch daher, bricht das Monument mit diebischer Freude hier und da selbst auf. Eine Balance, die aufgeht. Der Lebenszirkus aus internationalen Filmproduktionen, anspruchsvollen Musiktourneen und seit einiger Zeit auch der Literatur scheint tatsächlich frei und leidenschaftlich gewählt.

Mit seiner aktuellen Novelle „Die Spieluhr“ legt er nach der venezianischen Geschichtensammlung „Die Seerose im Speisesaal“ sein zweites Buch vor. Die Geschichte spielt in mindestens drei Zeitebenen, und scheint die zum Verstehen wichtigsten Ingredienzien innerhalb ihrer vielseitig verschachtelten Momente zunächst wahllos zu streuen. Tukurs Sprache ist dabei stets sehr fein gewählt, ergeht sich lustvoll in Details vom Verfliegen des Zigarettenrauchs bis hin zu ausführlichen Beschreibungen des Interieurs, um urplötzlich in Sprachmodi zu wechseln, für deren gänzliches Nachspüren es die Erfahrung braucht, den einen oder anderen effektgeladenen Hollywood-Blockbuster der neuesten Generation gesehen zu haben.
Überraschende Action-Sequenzen also, – im Kleid eines friedlich in der Buchhandlung meines Vertrauens bereitliegenden türkis-gold-schwarz-farbenen Büchleins, das sich einen Spaß daraus macht, seinen irren Kern zunächst hinter liebevoll-nostalgischem Charme zu verbergen.
Ulrich Tukur merkte bei seinem Besuch auf der Frankfurter Buchmesse dieses Jahr im Gespräch mit der ARD zwar an, wie stark man seiner Meinung nach durch all die Bilder der modernen Medienlandschaft der eigenen Fantasie beraubt werde, allerdings empfand ich beim Lesen an besagten Stellen dennoch einen deutlichen Querverweis auf das Medium Film. Was sich ja nicht ausschließt: wie Tukurs losgelassene Kreativität in diesem Zusammenhang aussehen kann, konnten die Fernsehzuschauer schon 2011 im zweiten Murot-TATORT „Das Dorf“ erleben, in dem es bizarre, äußerst bildstarke Meta-Sequenzen gibt, die er maßgeblich als Ko-Autor vorbereitet hatte.

„Die Spieluhr“ stellt auch einen inhaltlichen Bezug zum Thema Film her. Tukur tritt als er selbst als Erzählerfigur in Erscheinung, Mitte der 2000er Jahre, am Rande der Dreharbeiten zu dem Film „Séraphine“ über die Beziehung zwischen einer französischen Malerin und einem Deutschen Kunsthändler, gespielt von Tukur, zwischen 1912 und ´42.
Schon früh eröffnet die Geschichte ein Geflecht aus verbotener Liebe, meisterhafter höfischer Cembalo-Musik, und vor allem Magie. Schauplatz ist das französische Schloß Montrague, dessen Marquise gleichermaßen verführerisch schön wie grausam ist. In der Erzählebene „Realität“ von seinem Weg zu einem Pariser Kopierwerk abgekommen und nach einer nächtlichen Irrfahrt zu einer Übernachtung in dem Anwesen genötigt, gerät der Regie-Assistent von Tukurs Film in den vernichtenden Bann der Dame, die in der Zeit des frühen achtzehnten Jahrhunderts lebt . Bald schon fungieren Gemälde als Türen in diese Zeit, und magische Sprüche und verzaubertes Obst üben fatale Macht über Menschen aus. Nach der Rückkehr des spürbar verstörten Regie-Assistenten begibt sich Tukur selbst auf die Suche nach dem Mysteriösen, taucht schließlich in einer kaum merklich abgespalteten Ebene in der Figur des Wilhelm Uhde in die späte Spielzeit des Films 1942 ein, verirrt sich in düsteren Kellern, Spiegelsäälen und Turmaufgängen, wird Zeuge, wie ausgestopfte Tiere lebendig werden und ihr Unwesen treiben, und lüftet in einem verschlafenen, Zimmer des Schlosses das Geheimnis einer wunderschönen Spieluhr. Tukurs Novelle ist zugleich eine Liebeserklärung an den Wahnsinn und auch an die vielen Gesichter des Irrationalen. Nach und nach erliegen alle Figuren der Macht der Magie, angetrieben von leidenschaftlicher Liebe. Als ich beim Lesen erkannte, wie sich das Muster des immer gleichen Scheiterns wiederholte, erinnerte mich das auch ein wenig an Stephen Kings „The Shining“. Die Lektüre ist spannend und kurzweilig, und in der zweiten Hälfte gewinnt die Spannung nochmal mehr an Fahrt. Das Ende kam für mich dann ein wenig früh, erklärte sich aber im Nachhinein aus der Verknüpfung von Informationen, die das Buch schon ganz zu Beginn scheinbar harmlos und beiläufig preisgegeben hatte. So wie die Handlung eines Films so spät wie nur möglich beginnen muß, so sehr rundet das Ende dieses Buchs die Geschichte ab und leiert eben nichts Erwartetes oder Vermutetes herunter. Tukur tritt dem Leser zum Schluß stattdessen nochmal schlau auf den Schlips und läßt ihn zunächst mit einem Fragezeichen zurück.

Ich war neugierig geworden und las im Anschluß auch noch die Geschichten aus Tukurs erstem Buch „Die Seerose im Speisesaal“, das bereits seit einigen Jahren auf dem Markt ist.

Alle Erzählungen in dem Band haben das Thema Tod gemein. Aber so unterschiedlich facettiert, daß es sich nicht aufdrängt oder wie ein unterlegter störender Dauerton wahrgenommen würde. Der Tod kommt in einem Fall sogar als lässiger Freak im grünen Anzug und Zylinder daher, der als spendabler Kerl in das Leben des Protagonisten eingreift und der Klischeegestalt des Dunklen Gesellen das Düstere nimmt. Wie im neuen Buch „Die Spieluhr“ ist aber auch in diesen Geschichten Fiktives mit realen Erlebnissen verwoben. Nachdem die einleitende Erzählung vom visionierten sanften, angenehmen Tod Tukurs geradezu schwärmt, reihen sich die folgenden Geschichten chronologisch aneinander und berichten vom „Langen Weg in die Lagune“; von der Kindheit, Jugend und schließlich der Zeit Tukurs als junger Schauspieler, einem „Schaf“, das vom „Vampirfürsten“ Zadek täglich von neuem auf die Schlachtbank Schauspiel geführt wurde. Reizvoll ist dabei neben der wunderbaren Sprache gerade, daß der Übergang zum Aufschneiderischen nicht immer klar zu erkennen ist. Behauptet Tukur in „Der Schnauzbart am Konsulat“, er habe in den Tagebüchern einer verstorbenen Nachbarin von deren Begegnungen mit Adolf Hitler im Rahmen gesellschaftlicher Veranstaltungen gelesen, erscheint mir das noch denkbar. Als diese Geschichte in der Geschichte allerdings in Richtung einer einseitigen Lovestory entdreistet, in deren Verlauf der damalige „Führer“ sich von seiner Angebeteten „Lupo“ nennen läßt, legt man besser den Analyse-Kompaß beiseite und läßt sich auf die Eigendynamik der verqueren Handlung ein.

Wie auch später in „Die Spieluhr“ wird in den Geschichten Unmögliches möglich, werden z.B. Gegenstände lebendig. In einer Erzählung beleuchtet Tukur die Umstände eines regelrecht romantischen Freitods, der, in Öl auf Leinwand festgehalten, auf tragische Weise eine Nachahmerin findet, hundert Jahre später von einem italienischen Schlagersänger in Töne übersetzt wird und inzwischen im Musikprogramm „Mezzanotte“ vom Autor diverse Male höchstselbst besungen wurde.
Tukur beschreibt weiter den Prunk eines Russischen Neujahrsfestes in der Lagunenstadt, bei dem der zu lax tolerierte Umgang eines achtjährigen Verhätschelten mit Hochprozentigem kurzzeitig zur Katastrophe führt, verlegt den Fokus für eine besonders magische Episode seines Werkes nach Hamburg, lädt die LeserInnen ein, sich in die leidvolle Nötigung hineinzuversetzen, vom Lieblingskellner ein unhandliches, einmeterhohes Schokoladenei geschenkt zu bekommen und es fortan sogar mit auf eine Reise nehmen zu müssen, und läßt schließlich einen Verrückten dessen Drang darin besteht, sich ständig in andere Arbeitskleidung zu hüllen und den jeweiligen Beruf auszuüben, die bizarre Geschichte eines lebenslang in einen Wand-Hohlraum Eingemauerten erzählen.
In „Die Wolke“ beschreibt Tukur die Umstände der Einschläferung seines damaligen Hundes (im September dieses Jahres ist ihm übrigens -wie er bei einem Interview berichtete- ein weiterer Hund verstorben; tragischerweise an einem Hirntumor, dem Leiden, das doch eigentlich seiner TATORT-Figur Murot zugeschrieben wurde…). Die herrlich kurzweilige, berührende und immer wieder tiefgehende Geschichtensammlung schließt mit der Erzählung „Das Café Zur Schönen Aussicht“, die die starke Verbundenheit der Schwestern Mimma, Ersilia und Apollonia zu ihrem Wirkungsort bis zum Tod liebevoll feiert.

Beide Bücher scheuen die großen Themen Vergänglichkeit, Liebe und Leidenschaft in keiner Zeile, wagen sich frech und bisweilen verstohlen in Absurditäten, und zeigen immer wieder, wie auch aus kleinen Beobachtungen ganze Erzählwelten wachsen und sich dadurch neuen Türen öffnen können. Und für Tukur ganz offensichtlich auch müssen. Er malt seine Welt in allen verbalen Nuancen, die man sich nur vorstellen kann, verharrt in seltenen Momenten und lenkt den Blick auf allerlei Beachtenswertes, das sonst dem Alltags-Blick des hastig Vorbeiziehenden verborgen bliebe.
Ob es eine sonneninszenierte Landschaft, ein prachtvoll eingerichteter Barocksaal oder ein vergessenes Schwimmbecken samt unbenutzbaren Sprungturms ist, die von der Natur zurückerobert wurden.

Ich muß mich den Kollegen anschließen, die sich in den letzten Wochen gefragt haben, wie Ulrich Tukur neben seinen filmischen und musikalischen Projekten noch die Zeit finden und eine solche Form erreichen konnte, derart starke und runde Geschichten zu schreiben! Mein persönlicher Favorit sind Tukurs venezianische Kurzgeschichten, die im Einzelfall auch gern mal spannende 26 Seiten lang sind. Tolle Literatur nicht nur für trübe Herbsttage.

Artikel: Jörg Buschka

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