Buschka entdeckt Deutschland

Wenn sie nicht gestorben sind – Jörg leutet das Grimm-Jahr im Kino ein

Filed under: Allgemein — 20. April 2013 @ 12:27

Gestern gab´s für mich gleich zwei Premieren: ich betrat zum ersten Mal den cosy und technisch brandneust ausgestatteten Kinosaal des Wiesbadener Murnau-Filmtheaters… …und feierte zusammen mit dem Publikum das Grimm-Jahr 2013. Denn vor 200 Jahren erschien deren weltberühmte Märchensammlung. Ein wichtiges Jahr für mich als alten Kasseler (vor genau zwanzig Jahren dort mal Zugezogener), wo ein Großteil der spannenden und oft grausamen Geschichten bei Kaffeekränzchen gesammelt wurden.

Für´s Eintrittsgeld gab es eine Menge Film zu schauen, -eine abwechslungsreiche und gute Mischung aus Kurzfilmen unterschiedlicher Genres, die sich mit dem Thema Märchen beschäftigten.

Filmemacher Gunter Deller war kurzfristig mit dem Vortrag eines Einführungs- und Begleit-Texts -die Veranstaltung sehr bereichernd- zum Programm eingesprungen, nahm für meinen Geschmack allerdings mit zu detailierten Vorankündigungen und Einschätzungen der Filme das Entdeckerische und die eigene Innenschau und -Bewertung meines Kinobesuchs leider schon ein wenig vorweg, hatte dann aber in einem freien Teil die Gelegenheit, Spannendes aus der eigenen Produktionserfahrung preiszugeben und präsentierte mit “Wildwechsel” selbst einen sehr sehenswerten Experimentalfilm, der mit aktuellen Bildern aus dem Frankfurter Bankenmilieu, manipulativen Montagen aus Wald- und mechanischen Elementen auf zwei Ebenen, oder aufblitzenden Griechischen Stränden Assoziationen zum Sterntaler-Märchen ausrollt.

Die übrigen Filme waren die Geschichte “Hase & Igel”, in der gleichnamigen Filmcollage -augenzwinkernd-spaßig montiert- mit viel Engagement wiedergegeben von Schülern eines Deutsch-Intensivsprachkurses, Zombieeske Visionen von von Puppen dargestellten “arbeitslosen” Märchenfiguren, die in “Wenn sie nicht gestorben sind” an einem Abend im real gefilmten Köln von 2006 unter neuer Identität mit ihren Alter Egos konfrontiert werden, ein filmisch brilliantes, revolutionäres Rotkäppchen in einer niedlich-spaßigen Welt aus Wolle (“Woolly Wolf”), eine ebenfalls asynchron zur Buchvorlage verlaufende endzeitliche Story rund um ein zur Unkenntlichkeit als Sexdoll hochgeschminktes, mit Fakebrüsten und Heels ausgestattetes und unbesehen-Sexphrasen-wiederkäuendes schottisches Unterschichten-Mädchen namens “Little Red Hoodie”, das in ihrem verletzten Kinderhirn aus Trash und Abgestumpftheit eine egoistisch-voyeuristische, aber dennoch überraschend schlaue Lösung gebiert, “Allerleirauh”, ein sinnlich-verstörender, lethal-dunkler, inzestiöser Film mit lebensgroßen Puppen und einer sämtliche Stilgrenzen überstelzenden, erotisch überbordend anmutenden Stillszene aus Mensch und Puppenreh, und zuletzt dem zeitlich und thematisch zu stark aus dem Rahmen fallenden, aber ästhetisch tollen, inhaltlich spannenden und gleichsam berührenden Dokumentarfilm über das Verschwinden ganzer Landstriche rund um den ostdeutschen Braunkohletagebau, den 42 Minüter “Großmutter und der Wolf”, der die Rückkehr des Wolfs in seine ehemaligen, nun zur Unkenntlichkeit entstellten Reviere bebildert.

Ein toller Abend, eine gute Filmauswahl, – durch die m.E. etwas zu komplexe Einführung und den alleinstehenden vergleichsweise langen Dokumentarfilm am Schluß brauchte es aber ein wenig Sitzfleisch.

Beitrag: Jörg Buschka

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