Buschka entdeckt Deutschland

Wiesbaden ist wieder Europas Zirkus-Hauptstadt!

Filed under: Allgemein — 19. Oktober 2014 @ 13:34

Für mich einer der kulturellen Höhepunkte dieses Jahr: der European Youth Circus in Wiesbaden, den ich seit den 90ern regelmäßig besuche.
Gestern ist er mit der Gala der Preisträger zuende gegangen.

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Er ist jedes mal Gradmesser dessen, was wir in Zukunft von Zirkus und Varieté erwarten können, ist so vielfältig wie das Zirkusspektrum selbst, das vom kleinen Wanderzirkus bis zum internationalen Cirque-de-Soleil-Konzern reicht.
Das Wiesbadener Festival, anfangs von den Stadtvätern kaum beachtet, gilt heute als Perle der Szene und ist regelmäßig ausverkauft. Der erreichte Stellenwert spiegelt sich schon in der multinationalen Besetzung der Jury wider, seit 1992 repräsentiert vom Frankfurter Unternehmer und Gründer des Tigerpalast-Varietés Johnny Klinke, der bei seiner Ansprache darauf hinwies, daß das Festival in diesem Jahr eines der wenigen Projekte sei, bei denen die wichtige Botschaft gelebt werde, daß Rußland und die Ukraine friedlich ko-existieren können. In den vergangenen Jahren traf ich hier sogar einen Sohn Charlie Chaplins, in der Schweiz Zirkusdirektor. In diesem Jahr bestand die Jury aus Zirkusmachern und Artisten aus England, Frankreich, der Schweiz, Deutschland und Ungarn.

Ich sah mir am Donnerstag beide Wettbewerbe, insgesamt aus 25 Acts bestehend, an, und durfte gestern in der Gala eine Auswahl der Nummern noch einmal genießen.

Vielleicht ist es meinen inzwischen vielen Zirkusbesuchen bis hin zur bombastischen Materialschlacht von „Flic-Flac“ geschuldet, – dieses Jahr hat es einfach ein wenig länger gedauert, bis mich die Vorstellungen wirklich mitrissen.
Ich spreche hier über ein durchgehend hohes Niveau und Acts, die aus über 150 eingesandten Bewerbungsvideos ausgewählt worden waren. Hinter jedem Act stehen mindestens eine unterstützende Familie, Trainer und weitere Unterstützer. Bei der finnischen Truppe „Circus Helsinki“ sind es schon allein acht ArtistInnen, deren Transfer, Unterkunft und Training gewährleistet werden wollen.
Der European Youth Circus markiert deutlich die Grenze zwischen „einfach nur“ wirklich gut und belastbarer, wiederholbarer Perfektion, die trotz äußerlichen Dauerlächelns der Akteure das Äußerste von den jugendlichen und jungerwachsenen Artisten abverlangt.

Neben vielen Klassikern wie dem Lufttanz an den Strapaten und Hula-Hoop-Akrobatik habe ich besonders Ausschau nach neuen Akzenten gehalten.
Die konnte für mich der englische Luftakrobat Beau Sargent setzen, der im hoch über dem Publikum schwebenden Fischernetz das Beste aus origineller Formfindung (Kontorsion mit Einbeziehen des Netzes, das sich durch die Drehung mal „bauchig“ aufblähte, mal einen Fisch zu beinhalten schien) und gewagter Strapatenkunst zu präsentieren wußte.

Ebenfalls beeindruckend anders fiel mir im ersten Wettbewerb der russische Jongleur Enrico Annaev auf, der mit übergroßen Pingpongbällen und im Business-Anzug eine Art stylischer Tischtennis-Jonglage in einem Büro-Arrangement aufführte, bei der mir die Art, so komplex und originell „über Bande“ zu spielen, außerordentlich gut gefiel.

Mir gefiel auch die Rock´n Roll-Nummer des Deutschen Max Loos sehr gut, der den Chinesischen Mast wie selbstverständlich erklomm und mit großer Präzision und Überraschungseffekten waghalsige „Abstürze“ mit Tanzeinlagen kombinierte.

Auch im ersten Wettbewerb zu sehen war der Künstler, der für mich bei diesem Festival die stärkste Kombination von professioneller Technik und Ausstrahlung vereinte: der erst 13jährige italienische Strapatenkünstler Vioris Zoppis, dessen Beweglichkeit in schwindelnder Höhe fast schon Angst beim Zusehen machte. Wie geht sowas, ohne sich beide Arme auszukugeln???

Überraschend Neues präsentierte im zweiten Wettbewerb die ukrainische Handstand-Akrobatin Viktoria Gnatiuk, die Handstand/Kontorsion auf neonfarbenen länglichen Spielblöcken aufführte, aus denen sie sich während des Acts kleine Treppen und Türmchen baute, die sie dann nur auf Händen bestieg und wieder „hinabstürzte“.

Der eben erwähnte „Circus Helsinki“ lieferte mit seinen Schleuderbrett-Einlagen für meine Begriffe zwar bestenfalls „gute Artisten-Hausmannskost“ ab, die acht jungen, schrill gekleideten Finnen brachten aber ordentlich Stimmung in die Bude, – mit dem Höhepunkt, einem aufblasbaren lebensgroßen Zebra die Augen zu verbinden und höchstselbst mit ihm einen Salto zu vollziehen. Ein großer Spaß!

Das höchste Maß an Professionalität lieferte für mich die portugiesische Hula-Hoop-Artistin Santé d´Amours Fortunato ab. Die 25jährige wußte Jury und Publikum nicht nur durch Schönheit und Grazie in ihren Bann zu ziehen, ihre technisch exakte Reifenkoordination an bis zu vier Punkten ihres Körpers gleichzeitig bot auch kein Minzplättchen Anlaß zu Kritik. Ästhetik pur.

In dieser Form für mich nie gesehen überzeugte auch die Drahtseil-Nummer des Franzosen Lucas Bergandi. Mir angesichts der Tatsache, daß ich mich nun mal in einer Zirkusveranstaltung befand, die Frage verkneifend, wie Jemand überhaupt auf einem Seil die Balance halten könne, saß ich bei seiner Vorführung schließlich gänzlich irritiert auf meinem roten Plastikstuhl und begriff nicht, wie man das auch noch mit Salti verbinden kann. Er konnte!

Wirklich neu war dann die Art, wie die Schweizerin Solvejg Weyeneth ihr Diabolo präsentierte: leicht wie einen Schmetterling.
Stark entschleunigend begann bereits die Nummer selbst, indem schlicht in den ersten zwei Minuten keine Musik spielte. Jedes Räuspern im Publikum war zu hören.
Weyeneth brachte ihr Diabolo zwar ordentlich in Schwung, – aber vor allem, um es dann überraschend „leise“ und unerwartet brav auf einer der beiden in der Manege für den Act gespannten Seile zur Ruhe kommen bzw. hin und herspringen zu lassen. Aber eben anders, ganz anders als die bekannten Diabolo-Nummern, die oft auf rasante Lichteffekte und Dauertempo setzen. Bei der Samstagabend-Gala hatte Solvejg Weyeneth dann große Probleme mit einem Trick, der ihr am Donnerstag noch mühelos geglückt war. Auch nach mehrmaligem Versuch gelang es ihr am Samstag nicht, das Diabolo genau so vom Handseil auf das hinter ihr liegende obere Seil zu schleudern, daß es im gleichen Winkel wieder zurückkommt. An solchen Dingen ist wohl em ehesten zu erkennen, wie hart erkauft solche Leichtigkeit sein muß, mit der die Nummer zu begeistern wußte.

Das Cyr-Rad gibt es erst seit etwa drei Jahren. Im Zirkus hatte ich es vor Donnerstag noch gar nicht gesehen, – also wirklich etwas Neues!
Der Brite Charly Wheeler schwang sich mit Lässigkeit und großem Geschick auf das wie ein übergroßer Hula-Hoop-Reif wirkende Cyr-Rad, drehte sich damit um alle denkbaren Achsen vertikal und horizontal auf dem Boden, ließ das Gerät um sich herum schwirren und steppte hindurch, als sei es eine Pforte in eine andere Dimension. Der Effekt des Neuen verlor sich für mich dann zwar doch recht bald, – aber hier in Wiesbaden habe ich nun die erste Akrobatik mit diesem Rad gesehen!

Der Publikumspreis ging in diesem Jahr an die ungarischen Schleuderbrett-Akrobaten der „Cap Crew“.
Bronze in der Kategorie bis 17 Jahre bekam das ukrainische „Trio Cats“, Silber der Italiener an den Strapaten, Vioris Zoppis (der nach einer ärztlichen Untersuchung gestern abend noch strahlend auf der Siegerehrung erschienen war), Gold erhielt der russische Strapaten-Künstler Anton Mikheev.
In der Kategorie bis 25 erhielt die ukrainische Handstand-Akrobatin Victoria Gnatiuk Bronze, der italienische Drahtseil-Artist Lukas Bergandi Silber, – und der russische Jongleur Enrico Annaev bekam Gold.

2016 geht’s in die nächste Runde!

(Bericht und Foto: Jörg Buschka)

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