Buschka entdeckt Deutschland

Zu Gast bei Roger Willemsen

Filed under: Allgemein — 14. Juni 2011 @ 18:11

Mit Literatur setze ich mich zwar auseinander, gebe aber zu, mehr lesen zu wollen als ich es dann auch tatsächlich tue. Da kamen mir die Wiesbadener Literaturtage mit dem seit Jahrzehnten liebgewonnenen deutschen Godfather of Hochgeistiges-und-Sprachgenüßliches-dem-Volke-Näherbringen, Roger Willemsen, gerade recht.

Dem multitalentierten Germanist und Welt-Entdecker mit der Offenheit, beim gefilmten Flaschendrehen mit Charlotte Roche auch mal über Analverkehr zu referieren, war ich bisher höchstens auf der Frankfurter Buchmesse oder bei Jazz-Veranstaltungen begegnet, hatte dann jeweils versucht, ihm in den höchsten Tönen und kleinen Zeitfenstern mein “Buschka entdeckt Deutschland”-Projekt näherzubringen. Und immer war er anschließend wieder als Superzeichen des Intellekts in den Brain-All-Stars-Olymp entrückt, ließ in Talkshows lediglich als sein eigener Avatar Informationen über seine Buchprojekte verkünden, und war in der übrigen Zeit einfach bloß dringend nötig und rar für diese unsere real verkümmernde Kulturlandschaft. Wie oft wünsche ich mir Willemsen z.B. bei gleichermaßen bizarren wie den Zuschauer für dumm verkaufenden Sendungen wie “Mitten im Leben” (RTL) als Einblendung seitlich im TV-Bild aufpoppend und wie Jesus im Tempel verbal losdreschend: “Was sendet Ihr da für einen gefakten Scheiß!!!??? Hinfort!!!”. Nein, das ist mir, uns, nicht vergönnt.

Ich schummelte mich also unter die Wiesbadener Lesegeister, um zumindest an drei der neun Veranstaltungen teilzunehmen. Ich beginne mit einer kurzen Umschreibung derer, die ich am neugierigsten erwartet hatte:
Beim Großteil der übrigen Veranstaltungen lediglich Gastgeber bzw. Conferéncier, war Roger Willemsen am 9. Juni zusammen mit Anke Engelke höchstselbst “Top Act”, Objekt der Publikums-Begierde. Im Rahmen des Programms “Mir kocht die Blut!” lasen Beide sitzend im prunkvollen Friedrich-von-Thiersch-Saal des Kurhauses wechselweise im Dialog und in Form kleiner Vorträge über Querulanten der Weltgeschichte, von Xerxes bis zum Hotelbesucher, der durch zunächst verfrühten Beschwerde-Briefverkehr mit der Direktion des Hauses und eine spätere Verkettung ungünstiger Zuständigkeiten und Dienstpläne gefühltes Opfer einer “Seifen-Attacke” wird, in dessen Verlauf Unmengen von Gratis-Hotelseifestücke in seinem Badezimmer deponiert werden, was ihn schließlich entnervt und kleinlaut einknicken läßt. Trotz der grandiosen Besetzung und freudiger Erwartung hatte ich zunächst Mühe, mich durch die ersten Minuten der Einleitung hindurchzukämpfen. Ein im durchschnittlichen Rezeptions-Alltag schlicht nicht mehr existentes, erhöhtes Mindestmaß an Aufmerksamkeit war vonnöten, alle wohlgewählten und für sich jeweils großartigen Einleitungs-Bilder angemessen verarbeiten und verorten zu können. Gelegentliche Bauch-Worte wie “Schinken-Titte” warfen allerdings rettende Entertainment-Taue aus. Besagte Seifen-Geschichte und weitere äußerst unterhaltsame Einsichten in die Hirnwindungen notorischer Nörgler und Korinthenkacker hielten das Schiff in Fahrt und auf Kurs, begleitet von gekonnten Willemsen´schen Wort-Exaltationen und -Kombinationen, die ich hier nicht ansatzweise aus dem Kopf schildern kann, samt feinster Engelke´scher Schauspielkunst, die sich in gewohnt überraschenden Stimmungs-Änderungen und Anwendung aller denkbaren Dialekte austoben konnten. Allerdings hätte es dem Projekt zwischen den Auszügen aus Gerichtsakten, Geschichten um immer neu aufflammende Unterlassungsklagen, nach denen eine Hundehalterin endlich den vermeintlichen plumpen Rufmord gegenüber einem Tierarzt zu stoppen habe, bis hin zu herrlich kuriosen Beschwerden bei Stadtbusbetreibern und Kalauer, die selbst Michael Jackson und seinen “Hausarzt” nicht verschonen, gut getan, wenn Anke Engelke und Roger Willemsen zwischenzeitlich auch mal ihr Script beiseite gelegt hätten, aufgestanden wären und improvisiert hätten, -einander in die Haare gegangen wären, so wie es zum Schluß ansatzweise passierte. Insgesamt eine Veranstaltung, die mir Spaß gemacht und -schon durch ihr Tempo und die Menge an Gedankenbildern, von Willemsen “Literarische Landschaften” genannt- vergessene Synapsen zum Glühen gebracht hat, mit dem zurückbleibenden Durst nach noch mehr sichtbarer und improvisierter Eskalation.

Zuvor, am 5. Juni, hatte ich bereits “Die Andere Seite Des Jazz” im schönsten Kino der Welt, dem Caligari, besucht. Nach einer kurzen Einführung von Roger Willemsen betrat Schauspieler Matthias Brandt die Bühne, machte es sich an einem kleinen, spärlich beleuchteten Tisch bequem, und gab die Leinwand frei, auf der, im perfekten Wechsel zu seinen gelesenen Auszügen aus “Blue Notes”, Filmausschnitte und Bildcollagen der portraitierten Jazzer zu sehen waren, deren Kampf gegen rassistische Diskriminierung die Veranstaltung -neben humorvollen, teils grotesken Anekdoten und wunderbaren Musikstücken- beleuchtete. Gleich nach einer persönlichen Einleitung, in der Brandt die Eigung der Musik zur Unterstützung bei Beziehungs-Anbahnungen beschwört hatte, war ich im gemütlichen roten Plüschsitz versunken, und befand mich irgendwo im wilden Amerika der 1950er Jahre. Ein schwarzer Jazz-Musiker geriet in einer Hotellobby mit einem Weißen in einen folgenschweren Streit, der aus nichts als Vorurteilen geschürt, schließlich zum kriminellen Akt und ins Chaos führte. Von Brandt stimmungsvoll und spannend vorgetragen aus einer Art Tagebuch. Danach wieder Musik. Eine Trompete, der so typisch gezupfte Bass, und ein Piano bestimmten den Sound.
Dann ließ Brandt das Publikum direkt neben Miles Davis in den 1980er Jahren bei einem Empfang im Weißen Haus Platz nehmen. Was als illustre Backstage-Geschichte begann, wurde schnell zum Alptraum. Im Gespräch mit Kollegen brachte Davis zum Ausdruck, wie verlogen er die Gesellschaft um ihn herum empfinde, und wo er noch immer Diskriminierung spüre, -nicht ohne dabei auch selbst ungerecht, verbittert und bisweilen wunderlich zu handeln. Die passende, nachfolgende Musik beleuchtete diese Stimmung dann wieder von einer ganz anderen Seite, bereicherte die sinnliche Erfahrung. Doch neben bloßem Genießen blieb nun eine Ahnung, daß das alles andere als eine heile Musiker-Welt gewesen sein mußte. Weitere Geschichten folgten; eine davon handelte von einem brutalen schwarzen Bandleader, der -wenn auch in unterhaltsamen Anekdoten fast schon sympathisch verklärt- keine Diskriminierung “brauchte”, um den Alltag seiner Kollegen zu erschweren. Für Nicht-Jazzer wie mich, der nach solchen Abenden die Details und Stücke leider oft gleich wieder vergißt, war es ein Geschenk, wie gekonnt Matthias Brandt in der Lage war, die so unterschiedlichen Anmutungen und Situationen der “Blue Notes” auf ganz besondere Weise vorzutragen. Ob zur Abwechslung auch Drogen-Geschichten des weißen Chet Baker oder Momentaufnahmen aus dem Leben der afroamerikanischen Sängerin Billie Holiday, -dank der feingewählten Zusammenstellung der Medien, die neben Filmausschnitten genügend Raum für eigene Bilder ließ, war der Abend mit Matthias Brandt eine verführerische Reise in die Köpfe einiger bedeutender Jazzmusiker, mit musikalischem Landgang ins eigene Gefühl.

Das Highlight war für mich aber am 8. Juni die Veranstaltung “Voller Entsetzen, Aber Nicht Verzweifelt” in der Wartburg, mit ausführlicher Einführung von Regisseur Thomas Ebermann und darstellender Lesung von Robert Stadlober über die Tagebücher des jüdischen Autors, Kritikers und Regisseurs Mihail Sebastian, der als “Anne Frank Rumäniens” Antisemitismus und Verfolgung im Rumänien der 30er und 40er Jahre mit- und überlebt hat. Zunächst abgeschreckt von der NS-Thematik, die selbstredend als fortlaufende Mahnung in allen Medien prominent behandelt werden muß, gleichzeitig aber auch inflationär auf uns einzuprasseln scheint, -Garant für jeden Fördertopf und jedes Festival-, ließ ich mich ein auf die Veranstaltung und die einführenden Worte Willemsens, es handle sich um eine wahre Herzenssache, und wurde durch einen wirklich berührenden Abend belohnt. Thomas Ebermann nahm sich anfangs alle Zeit, um die Figur Sebastians zu beleuchten, der neben seinem klaren und wachsamen Verstand nur durch ein Zusammenwirken aus persönlichem Netzwerk einer Achse Paris-Bukarest, gesellschaftlichem Status als Autor, und schließlich der stetig wechselnden politischen Situation in Rumänien zwischen Eiserner Garde, Antonescu und Nazideutschland, sowie dem rechtzeitigen Eintreffen der Roten Armee (die wegen denkbarer Racheakte 1944 bei der rumänischen Bevölkerung genauso gefürchtet war wie zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Nazideutschland ), überlebte. Tragischerweise starb er 1945 bei einem Autounfall.
Robert Stadlober schaffte es dann in einer spürbar empathischen Annäherung an das Gemüt Sebastians, in einer Figurenzeichnung aus beruflichen Freuden und Enttäuschungen als Autor und Theater-Regisseur, sowie der Teilnahme an intimsten Momenten zwischen dem Filou und der von ihm aussichtslos haßgeliebten Schauspielerin Leni Caler, der dieser z.B. im Beisein ihres ahnungslosen Mannes unter dem Tisch zeigte, was die irdene Existenz so alles an Wollust bereithielt, Nähe zum Publikum zu gewinnen. Gehalten wie ein Theaterstück in zwei Blöcken/ Akten, mit Schwarzblenden und den Stationen Arbeitszimmer (Schreibtisch), Lokal (Clubtisch), Liebeslager (Chaiselongue), sowie nach einem Umbau einem kargen Hocker im Hintergrund. Neben dem “bloßen” Lesen im Sitzen stellte sich Stadlober aber auch direkt vorn an den Bühnenrand zum Publikum, verlieh in diesen Momenten -wie auch beim Liegen auf dem Sofa, legerem Weintrinken und Rauchen auf dem Hocker, und gedankenversunkenem Arbeiten am Schreibtisch- der Figur eine alles verstärkende, physische Präsenz.
Ich konnte somit an diesem Abend selbst Zeuge sein, wie Sebastian den enormen gesellschaftlichen Umbruch Rumäniens während des ohnehin latent präsenten, in den 1930er Jahren aufflammenden Faschismus und den Bombenangriffen der Deutschen und Russen durchlebte, Gängelungen, Brutalität, Massenenteignungen und Deportationen beobachtete, die ihn einerseits angesichts jüdischer Freunde und Familie zum Handeln zwangen, und andererseits in ohnmächtigen Aktionen wie dem Besuch eines gespenstisch “normalen” Konzertabends resignierend verharren ließen, wie als Luftholen zwischen endlos langen Tauchgängen. Schließlich war auch er selbst in konkreter Gefahr. Nachdem Stadlober dem Publikum in amüsanten Episoden z.B. den Spaß und die Erholung Sebastians am Skisport vermittelt hatte, litt man nun mit der Figur, als es für diese nicht nur hieß, im Rahmen “Rassischer Verfügungen” seine Skier abgeben zu müssen, sondern Sebastian hatte sich selbst zur Deportation einzufinden, -was dem Publikum als Annäherung durch die Beschreibung schlafloser Nächte vermittelt wurde, -unruhig aus heilloser Angst vor dem, was kommen würde. Stadlober gelang es gekonnt, mich an dieser fremden, unheimlichen Erlebenswelt teilhaben zu lassen. Mit allen einleitenden und umgebenden süffisanten bis frivolen Geschichten, die wie vom Flair der Berliner Goldenen Zwanziger zu erzählen schienen. Nur für mich weiterhin unfaß- und -greifbar -wie auch schon die Berichte einer 83jährigen Freundin aus Berlin, die als Kind zufällig den Todesmarsch des KZ Sachsenhausen-Oranienburg mit angeschaut hatte- bleiben Sebastians Beobachtungen von Zwangs-Sammlungen zur Deportation. In Farbe und eben “in echt”, nicht bloß als immer wieder ausgestrahlter Filmschnipsel, an dem ich mich irgendwann “stumpfgesehen” habe. Eine Herzensangelegenheit also nicht bloß, sondern auch eine persönliche Begegnung mit einem so lebendig Schreibenden, daß es ihm gelungen ist, Einiges seines Erlebten in unsere Zeit hinüberzuretten. Überaus spannend und gefühlvoll transportiert von Ebermann und Stadlober!

Et is also gelungen, einem zeitweise-Lesemuffel dat Geschriebene-an-sich wieder näherzubringen! Vielleicht gelingt es in Zukunft ja z.B. durch nicht zwingend kostenintensive Begleitaktionen, auch noch-lese-fernere Nasen als mich in die Spielstätten und Lesesäle zu holen! Es muß nicht Alles noch immer weiter massentauglich zerkaut und anbiedernd als Entertainment Fast Food dargebracht werden, aber ein Hauch Elitesse wehte bei den von mir besuchten Veranstaltungen doch durch die Reihen, und den gilt es, mit Offenen Konzepten noch mehr mit Interessiertem Pöbel anzureichern! Roger Willemsen kann genau solche Kunststücke vollbringen, -er muß auch 2012 unbedingt wieder Papa und Grundpfeiler der Veranstaltung sein!

Bericht: Jörg Buschka

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